Und morgen die ganze Welt

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
111 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
29.10.2020
Regie:
Julia von Heinz
Darsteller:
Mala Emde (Luisa), Noah Saavedra (Alfa), Tonio Schneider (Lenor), Luisa-Céline Gaffron (Batte), Andreas Lust (Dietmar) u.a.
Genre:
Drama , Politischer Film
Land:
Deutschland, Frankreich, 2019

Eigentlich hätte „Und morgen die ganze Welt“ ihr erster langer Spielfilm werden sollen. Daraus wurde aber nichts. Stattdessen feierte Julia von Heinz mit „Was am Ende zählt“ 2007 ein bemerkenswertes Spielfilmdebüt. Heute ist sie allerdings froh, dass sie sich für diesen Stoff nun doch mehr Zeit gelassen hat. Ganze 13 Jahre lang haben Julia von Heinz und ihr Ehemann, der Drehbuchautor John Quester, gebraucht, um sich dem schwierigen Thema in ihrem neuen Film vielschichtig zu nähern. Es geht nämlich um die Frage, ob Gewalt als ein politisches Mittel in der heutigen Zeit legitim ist. Geht sie von der rechten Szene aus, wird die Frage mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Wie ist es aber, wenn die linke Antifa-Bewegung auf militante Aktionen von rechts selbst mit Gewalt reagiert? Mit Gewalt gegen Sachen, aber auch gegen Menschen?

Die 20-jährige Jura-Studentin Luisa will etwas gegen den Rechtsruck im Land unternehmen. Luisa stammt aus gutem Hause, ihr Studium finanzieren die Eltern. Nun will sie zu ihrer besten Freundin Batte ziehen, die schon länger in einem linken Wohnprojekt in Mannheim, dem P 81, lebt. Vom P 81 aus plant die örtliche Antifa ihre Aktionen gegen Rechtsradikale. Demnächst wollen sie gegen eine Wahlkampfveranstaltung der populistischen Liste 14 demonstrieren. Batte beharrt darauf, friedlich zu protestieren, doch die beiden Freunde Lenor und Alfa meinen: „Gewaltfreier Widerstand gegen Nazis? Das ist absoluter Schwachsinn!“ Und in der Tat eskaliert die Situation, als die ersten Farbeier und Torten fliegen und es zu einer Schlägerei kommt. Dabei findet Luisa das Handy eines Ordners von der Liste 14. Als sie flieht, wird sie von einem der Rechtsradikalen überwältigt und durchsucht. Ein schwarz Vermummter rettet sie, in dem er den Mann mit einer Eisenstange niederschlägt. Es ist Alfa. Die beiden können sich in Sicherheit bringen. Später entdecken sie zusammen mit Lenor auf dem Handy, dass die Faschos demnächst eine Aktion in einem 60 km entfernten Ort planen. Alfa, Lenor und Luisa aktivieren einige Antifa-Leute für eine Gegenaktion. Zunächst demolieren sie die Autos der Rechten, dann ruft Alfa dazu auf, „denen auf die Fresse zu hauen“. Luisa, die schon lange für Alfa schwärmt und von seiner Kompromisslosigkeit fasziniert ist, macht mit und wird empfindlich am Bein verletzt. Eine OP ist nötig, doch Lenor und Alfa haben Angst, sie ins Krankenhaus zu bringen und sich damit zu enttarnen. Bei Dietmar, einem ehemaligen Mitglied der Revolutionären Zellen, der für seine Aktionen jahrelang im Gefängnis saß, finden sie zunächst Unterschlupf. Von nun an beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen und die drei, allen voran Luisa, müssen entscheiden, wie weit sie für ihre Überzeugungen gehen wollen.

„Und morgen die ganze Welt“ ist engagiertes, politisches Kino, das eindeutig in der heutigen Zeit angesiedelt ist und die Akzeptanz von Gewalt als politisches Mittel von vielen Seiten aus beleuchtet. Diese Facetten macht der Film an den verschiedenen Hauptfiguren fest, allesamt dargestellt von einem hervorragenden Schauspielensemble. So zeigt beispielweise Andreas Lust („Einer von uns“, „Casting“) als ehemaliger linker Aktivist, wie der Knastaufenthalt ein Leben zerstören kann. Oder es lässt Mala Emde („Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel“, „303“) als Luisa durchblicken, dass ihre kompromisslose Haltung nicht allein politisch motiviert ist. Sie ist von Alfas kämpferischen Methoden fasziniert und in ihn verliebt. Doch bei aller Vielschichtigkeit machen Julia von Heinz und John Quester, die selbst aus der Antifa-Bewegung kommen, ihre eigene Haltung ziemlich offensichtlich kenntlich. Sie wird vor allem durch das radikale Ende dokumentiert, das auf jeden Fall diskutiert werden muss. Ich persönlich hätte mir einen offenen Schluss gewünscht, in dem verschiedene Ansichten zugelassen werden.

Barbara Felsmann

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