Tribes of Europa

Serienstart:
19.02.2021
Staffel:
1
Folgen:
6
Länge der Folgen:
44-49 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Regie:
Philip Koch, Florian Baxmeyer
Darsteller:
Henriette Confurius (Liv), Emilio Sakraya (Kiano), David Ali Rashed (Elja), Oliver Masucci (Moses), Melika Foroutan (Varvara) u. a.
Genre:
Science-Fiction , Abenteuer , Action
Land:
Deutschland, 2021

Im Herbst 2020 veröffentlichte der US-amerikanische Streaming-Dienst Netflix die deutsche Eigenproduktion „Barbaren“, die die Geschichte der legendären Varusschlacht rekonstruiert. In dem bis in die Gegenwart kontrovers diskutierten Kampf brachte ein Zusammenschluss eigentlich zerstrittener Germanenstämme dem römischen Heer eine schmerzhafte Niederlage bei. Die Historienserie zeigt, leider nur sehr verkürzt, dass das Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, damals von vielen unterschiedlichen Clans bevölkert wurde. Ein solches Nebeneinander zahlreicher Mikrostaaten finden wir auch in der neuen Netflix-Saga „Tribes of Europa“ vor, allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Dieses Mal tauchen wir nicht in eine weit entfernte Vergangenheit ein, sondern in eine düstere Zukunft, in der das Europa, wie wir es kennen, nicht mehr existiert.


Worum es in „Tribes of Europa“ geht:


Ein mysteriöser Stromausfall und ein dadurch bedingtes Technikversagen lösten im Dezember 2029 einen gesellschaftlichen Zusammenbruch aus und ließen den gesamten Kontinent in einen vormodernen Zustand zurücksinken. Nationalstaaten verschwanden, übrigblieben versprengte Stämme, die im Titel erwähnten Tribes. Das Recht des Stärkeren trat plötzlich wieder an die Stelle der demokratischen Ordnung. Inmitten dieses Chaos zog sich die Gruppe der Origines tief in den Wald zurück, um dort ein friedliches Leben im Einklang mit der Natur zu führen.

45 Jahre nach der rätselhaften Katastrophe ist die wie eine Aussteigerkommune wirkende Gemeinschaft noch immer unbehelligt. Als die Geschwister Liv, Kiano und Elja bei einem Jagdausflug die Bruchlandung eines raumschiffartigen Flugkörpers beobachten, kommen auf sie und ihre Mitbewohner*innen jedoch dramatische Veränderungen zu. Interesse an dem abgestürzten Luftfahrzeug zeigen nämlich auch die blutrünstigen Crows, die von der Herrschaft über das neue Europa träumen. In den Trümmern vermuten sie ein mächtiges, hochtechnologisches Objekt, das den Atlantiern gehört, der einzigen vom großen Blackout verschonten Fraktion. Dieses Artefakt, wegen seiner Würfelform Cube genannt, hat vor dem unerwarteten Überfall der Crows auf das Lager der Origines jedoch bereits Elja heimlich an sich genommen. Im blutigen Durcheinander bittet ihn der schwer verwundete atlantische Pilot, mit dem Cube zu flüchten und ihn seinem Stamm zu bringen, da er wichtige Informationen über eine aus dem Osten aufziehende Gefahr enthalte. Während der Jüngste im Geschwisterbund, sichtlich überfordert, mit dem Würfel das Weite sucht, geraten Liv und Kiano ebenfalls in brenzlige Situationen. Nach der Attacke auf das Refugium der Origines kann die junge Frau die Crows-Kriegerin Grieta überwältigen und läuft einem Soldatentrupp der Crimson Republic in die Arme. Kiano wiederum wird von den Angreifern gefangen genommen und in die Crows-Hauptstadt Brahtok, das frühere Berlin, gebracht. Dort muss er als Sklave in einer schäbigen Fabrik arbeiten und weckt die Aufmerksamkeit der sadistischen Varvara, die um jeden Preis in den engsten Kreis des Crows-Oberhauptes aufsteigen will.


Wie sich Licht und Schatten in „Tribes of Europa“ verteilen:


Schon nach einer Folge der von Philip Koch („Outside the Box“, „Picco“) entwickelten und mitinszenierten Serie ist eines unübersehbar: Sonderlich subtil geht es hier nicht zur Sache. Vielmehr dominieren dicke Pinselstriche. Die Welt der exzentrisch kostümierten Crows ist in düstere Farben getaucht und lässt Hoffnungsschimmer erst gar nicht aufkommen. Durch seine bizarre Beziehung zu Varvara erfährt Kiano Schritt für Schritt mehr über diese Hölle auf Erden, in der Sex, Unterdrückung und faschistische Unterwerfungsfantasien regieren. Auch wenn „Tribes of Europa“ das Milieu der Crows hemmungslos überzeichnet, ist Kianos Strang der aufregendste. Immer wieder gelingt es in seinem Fall, eine bedrohliche Stimmung zu kreieren. Außerdem ist er den schmerzhaftesten Prüfungen ausgesetzt. Dass die Crows-Passagen Beklemmung erzeugen, liegt auch an der lustvoll abgründigen Darbietung Melika Foroutans, die immer wieder ganze Szenen an sich reißt.

Die Erlebnisse von Liv und Elja fesseln im Vergleich deutlich weniger, da viele Handlungsschritte vorhersehbar sind. Elja könnte als Träger des geheimnisvollen Cubes Licht ins Dunkel bringen und trifft auf seinem Weg den schlitzohrigen Schrotthändler Moses, dem Oliver Masucci eine ordentliche Portion Gaunercharme verpasst. Liv hat wiederum ein anderes Ziel vor Augen: Sie will ihre auseinandergerissene Familie wieder vereinen und plant, das verbarrikadierte Brahtok zu infiltrieren. Spannung kommt in beiden Erzählfäden zwar gelegentlich auf. Was allerdings stört: Verschiedene Figuren treffen einige seltsam naive Entscheidungen und bringen sich so leichtfertig in Schwierigkeiten. Schwer nachzuvollziehen sind zudem manche Drehbuchbehauptungen. Dass es zum Beispiel einzig Liv gelungen sein soll, eine Crows-Kämpferin lebendig gefangen zu nehmen, kann man kaum glauben.

Fans finsterer postapokalyptischer Geschichten dürften einige Parallelen zu anderen Werken des Genres entdecken. Besonders einflussreich scheinen George Millers „Mad Max“-Filme gewesen zu sein, in denen skrupellose, skurril gekleidete Banden für Angst und Schrecken sorgen. „Tribes of Europa“ sprüht sicherlich nicht vor grenzenloser Originalität, weckt aber mit einigen interessanten Andeutungen und kleinen Details – dazu gehören eine Droge namens Wolk, ein offenbar nur von Frauen bevökerter Stamm und die diffuse Rolle der Atlantier – die Neugier auf das entworfene Zukunftsszenario. Look und Ausstattung der deutschen Science-Fiction-Produktion – eine echte Rarität! – erreichen erfreulicherweise überzeugendes Niveau.

Obwohl Philip Koch 2016 durch die EU-Austrittspläne Großbritanniens zu einer Erzählung über ein am Boden liegendes Europa inspiriert wurde, sind politische Aspekte in der Serie rar gesät. Vielleicht geht das dystopische Actionabenteuer in einer möglichen zweiten Staffel in diesem Punkt ein bisschen mehr in die Tiefe. Die Macher jedenfalls spekulieren schon jetzt auf eine Fortsetzung. Nach einem recht abrupten, offenen Ende wird man das Gefühl nicht los, dass die ersten sechs Episoden nur das Vorspiel zu etwas Größerem sein sollen.

Christopher Diekhaus

Weitere Angaben

Filmtyp: Farbe

Streaming-Anbieter

Angaben beruhen auf Informationen zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (8. Woche 2021).