Shoplifters - Familienbande

Länge:
121 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
27.12.2018
Regie:
Hirokazu Kore-eda
Darsteller:
Lily Franky (Osamu Shibata), Sakura Ando (Nobuyo Shibata), Mayu Matsuoka (Aki Shibata), Sosuke Ikematsu (4 ban-san), Kairi Jyo (Shota Shibata), Miyu Sasaki (Yuri), Kirin Kiki (Hatsue Shibata) u. a.
Genre:
Drama , Familienfilm
Land:
Japan, 2018

Ein Vater, der eine seltsame Beziehung zu seiner Frau eingegangen ist, und sein pubertierender Sohn, mit dem er systematisch und nach einem genau festgelegten Ritual Ladendiebstähle begeht, wenn es im Haushalt wieder einmal an irgendwelchen Dingen mangelt. Dazu eine Großmutter, die mit ihrer kleinen Rente als Einzige über ein regelmäßiges Einkommen verfügt und regelmäßig das schlechte Gewissen der Familie ihres verstorbenen Mannes ausnutzt. Schließlich eine Halbschwester, die in einer Peep-Show ihren Körper zur Schau trägt – und dann auch noch eine Kindesentführung, wenngleich ohne die Absicht, Lösegeld zu erpressen. Kann eine derart schräge Familienkonstellation im Patchwork-Familienzeitalter tatsächlich zum Vorbild taugen, um zu bestimmen, was eine Familie unabhängig von Blutsverwandtschaft heute ausmacht? Und kann ein solcher Film derart menschlich im besten Sinne des Wortes, unverkrampft, lebensbejahend und geradezu herzzerreißend sein, dass ihm 2018 die Goldene Palme in Cannes zugesprochen wurde? Dem japanischen Filmemacher Hirokazu Kore-eda, dessen frühere Filme wie etwa Nobody knows, Like Father, Like Son oder auch Unsere kleine Schwester ebenfalls bereits um schwierige Familienkonstellationen kreisen, ist dieses Kunststück gelungen – und noch dazu, ohne in Sozialromantik oder Sozialdramatik abzugleiten.

Noch bevor der Zuschauer überhaupt eine Ahnung davon hat, in welcher Beziehung die einzelnen Personen zueinander stehen, die alle Zuflucht in einer kleinen Wohnung gefunden haben, zeigt der Film in unaufdringlichen, aber dicht inszenierten Bildern das reibungslose Funktionieren dieser seltsamen Gemeinschaft, die sich als Familie begreift. Der nicht immer konfliktfreie, aber sehr kommunikative Umgang der einzelnen Personen miteinander wird von der einfühlsam optimistischen Filmmusik noch unterstrichen. Die eigentliche Geschichte beginnt, als Vater und Sohn eines Abends nach der Rückkehr von einem „Einkauf“ ein offenbar verwahrlostes, verfrorenes kleines Mädchen entdecken, dessen Eltern unauffindbar sind. Sie nehmen es kurzerhand mit nach Hause. Nachdem sie bei ihr deutliche Spuren einer Misshandlung entdeckt haben und niemand nach ihr zu fragen scheint, wollen sie die kleine Yuri auch nicht mehr weggeben. Denn für sie ist der folgenreiche Entschluss die selbstverständlichste Sache der Welt. Schon bald durchleben sie eine glückliche Zeit miteinander, in der Yuri und der Rest der „Familie“ förmlich aufblühen. Lediglich der neue Bruder muss sich zu Beginn kurz daran gewöhnen, dass eine Schwester auch dann ein Wert für sich ist, wenn sie zum Lebensunterhalt der Familie nichts beitragen kann. Eine solche harmonische Familienkonstellation mit einem entführten Kind wird mitten in der Großstadt Tokyo natürlich nicht auf Dauer funktionieren, zumal Yuris leibliche Eltern über das Fernsehen doch noch nach ihr suchen. Erst zu diesem Zeitpunkt rücken die Versäumnisse und das Versagen einer ganzen Gesellschaft in den Vordergrund, obwohl schon vorher klar wird, dass die „Familie“ sich gezwungen sah, gemeinsam eigene (Über-)Lebensformen zu entwickeln. Das ist ganz großes, zukunftsorientiertes Kino, das man auf keinen Fall versäumen sollte.

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