Königin

Länge:
127 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Regie:
May el-Toukhy
Darsteller:
Trine Dyrholm (Anne), Gustav Lindh (Gustav), Magnus Krepper (Peter), Stine Gyldenkerne (Lina), Preben Kristensen (Erik)
Genre:
Drama
Land:
Dänemark, Schweden, 2019

Auf den ersten Blick scheint im Leben der auf Missbrauchsfälle spezialisierten Anwältin Anne alles in bester Ordnung zu sein. Mit ihrem Mann und ihren Zwillingstöchtern bewohnt sie ein luxuriöses Haus im Grünen. Und beruflich wird sie für ihr unermüdliches Engagement ebenso gefürchtet wie bewundert. Jungen Menschen, die schlimme Erfahrungen gemacht haben, Gewalt und sexuelle Übergriffe erleiden mussten, gibt sie eine Stimme und setzt sich dafür ein, dass ihre Geschichten wahrgenommen werden. Als ihr Gatte eines Tages mit dem 16-jährigen Gustav seinen rebellischen Sohn aus erster Ehe in die schmucke Villa holt, beginnt die Fassade der scheinbar sorgenfreien Familie langsam zu bröckeln. Der Wunsch, endlich wieder richtig begehrt zu werden, wird bei Anne plötzlich immer stärker. Nur wenig später stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Affäre mit dem Teenager und überschreitet damit eine Grenze, die sie selbst immer bekämpft hat.

Warum riskiert eine gestandene Frau ihre bürgerliche Existenz? Und weshalb nutzt gerade die gerechtigkeitsliebende Anwältin ihre Machtposition schamlos aus? Klare Antworten gibt das von Regisseurin May el-Toukhy und Maren Louise Käehne verfasste Drehbuch auf diese Fragen nicht. Wer von einem Film fein säuberlich aufgedröselte Erklärungen erwartet, dürfte mit „Königin“ nur wenig anzufangen wissen. Vieles bleibt in der Schwebe. Bloß hier und da blitzen Andeutungen auf, die der Zuschauer zu einem größeren Bild zusammensetzen könnte. Die ambivalente Missbrauchsgeschichte erzeugt dennoch einen eigenartigen Sog. Obwohl einige Sexszenen provozierend offenherzig ausfallen, schlachten die Macher Annes skandalösen Ausbruch zu keinem Zeitpunkt auf billige Weise aus. Das Geschehen mag konsequent durch die Augen der erwachsenen Protagonistin geschildert sein. Und doch erfahren wir in mehreren Szenen auch etwas über das Innenleben von Gustav. Das, was der junge Mann ab einem gewissen Punkt ertragen muss, geht zweifelsohne tief unter die Haut. Von vielen anderen Dramen dieser Tage hebt sich el-Toukhys neue Regiearbeit schon deshalb ab, weil sie dem Betrachter eine Hauptfigur zumutet, bei der die Grenzen zwischen Sympathieträgerin und skrupelloser Egomanin komplett verschwimmen. Trine Dyrholm (Endzeit, Astrid, Die Kommune) schafft es mit beängstigender Intensität, Annes Verletzlichkeit, ihre Sehnsucht nach einem Abenteuer und ihre schon früh durchscheinende zerstörerische Seite zu transportieren. Nicht zuletzt dank ihrer Darbietung ist „Königin“ ein irritierender, eindringlicher, unbequemer Film, den man so schnell nicht vergessen wird.

Christopher Diekhaus

Weitere Angaben

Filmtyp: Farbe

Streaming-Anbieter

Angaben beruhen auf Informationen zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (19. Woche 2020).