Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão

Länge:
0 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
26.12.2019
Regie:
Karim Aïnouz
Darsteller:
Carol Duarte (Euridice Gusmao), Julia Stockler (Guida Gusmao), Gregorio Duvivier (Antenor), Bárbara Santos (Filomena), Antonio Fonseca (Vater)
Genre:
Drama
Land:
Brasilien, Deutschland, 2019

Guida ist lebensfroh und ausgelassen, ihre jüngere Schwester Euridice ernst und introvertiert. Die eine möchte Liebe und Freiheit erleben, die andere steuert eine Karriere als Konzertpianistin an. Aber beide Lebensentwürfe der jungen Frauen sind in der patriarchal geprägten brasilianischen Gesellschaft der frühen 1950er Jahre undenkbar. Also schnappt sich Guida den nächstbesten Matrosen und flieht mit ihm nach Griechenland. Sie denkt es wäre die große Liebe, aber schon bald kehrt sie schwanger und allein zur Familie zurück. In der Zwischenzeit wurde Euridice an den Langweiler Antenor verheiratet, der seine Frau allein als Besitz und Beute für sein Begehren betrachtet, ohne dabei auf ihre Wünsche Rücksicht zu nehmen. Guida wird wegen der angeblichen Schande vom Vater verstoßen. Noch dazu tischt er ihr die Lüge auf, Euridice wäre zum Klavierstudium an einem Konservatorium in Wien, damit die Wege der Schwestern sich auch ja niemals kreuzen. Guida findet bei der ehemaligen Prostituierten Filomena Zuflucht. Diese erweist sich als lebenskluge und loyale Freundin und schließlich auch als Ersatzfamilie. Dort bringt sie einen kleinen Sohn zur Welt und bestreitet einigermaßen würdevoll ihren Lebensunterhalt als einfache Arbeiterin. Guida wird ihr Leben lang sehnsuchtsvolle Briefe an die vermeintlich in Wien weilende Schwester schreiben, dabei wohnt diese in derselben Stadt. Euridice währenddessen hadert mit ihrer unglücklichlichen Ehe und der Schwangerschaft. Denn Mutterschaft bedeutet das Ende ihrer Ambitionen Pianistin zu werden.

Die Verfilmung des Erstlingsromans Die vielen Talente der Schwestern Gusmao der brasilianischen Autorin Martha Bathala ist der brasilianische Oscar-Kandidat und wurde in Cannes ausgezeichnet. Der Regisseur mit brasilianischen Wurzeln Karim Ainouz (Futuro Beach, Madame Sata, Zentralflughafen THF) erzählt in dem opulenten Gesellschafts- und Familiendrama die Geschichte zweier ungleicher Schwestern, deren Lebensträume in der männlich geprägten Welt keinen Platz finden dürfen. Ganz der Logik des Melodrams folgend sind alle Ausbruchsversuche vergeblich, Briefe werden nie zugestellt, klärende Gespräche nicht geführt, die Lebenslüge erst viel zu spät aufgedeckt. Und doch vermittelt das farbenfrohe Sittengemälde einer anderen Zeit in einem fernen Land keine Vergeblichkeit oder gar Verzweiflung. Beide Frauen gehen den Widerständen zum Trotz mit Willenskraft durchs Leben. Mit Liebe zum Detail wird das Brasilien dieser Dekade zum Leben erweckt. Aus heutiger Perspektive mag die Unterdrückung der Frauen veraltet erscheinen, aber in vielen Teilen der Welt und auch Deutschlands ist sie leider noch traurige Realität. So schafft der Regisseur eine ebenso kraftvolle wie feinfühlige Erzählung aus der Perspektive der Frauen, welche die patriachalen Strukturen vehement anklagt, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.





Christiane Radeke

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