Der Fall Richard Jewell

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
129 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
25.06.2020
Regie:
Clint Eastwood
Darsteller:
Paul Walter Hauser (Richard Jewell), Sam Rockwell (Watson Bryant), Jon Hamm (Tom Shaw), Kathy Bates (Bobi Jewell), Olivia Wilde (Kathy Scruggs)
Genre:
Drama , Biopic
Land:
USA, 2020

An seinen konservativen Ansichten kann man sich reiben. Und doch ist Clint Eastwood (15:17 to ParisSullyAmerican Sniper) ein Phänomen. Selbst im hohen Alter – der Schauspiel- und Regiestar hat vor kurzem das 90. Lebensjahr erreicht – dreht er fleißig Filme und wendet sich dabei seit geraumer Zeit bevorzugt Geschichten aus dem wahren Leben zu. Auch sein neues Werk ist ein Tatsachendrama, das den Bombenanschlag während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta und dessen Nachwirkungen rekonstruiert.

Im Mittelpunkt steht der etwas tapsige, von einer großen Polizeikarriere träumende Richard Jewell, der sich Mitte der 1990er Jahre als Wachmann auf einem College-Campus verdingt. Da er seine Arbeit mit übertriebenem Eifer angeht und seine Kompetenzen mehrfach überschreitet, wird er allerdings entlassen. Kurz darauf findet er eine Anstellung bei einer Sicherheitsfirma und muss am Rande der Sommerolympiade in Atlanta die Bühnenveranstaltungen in Centennial Olympic Park überwachen. Eines Abends sticht Richard ein herrenloser Rucksack ins Auge, in dem, wie sich nach kurzer Untersuchung zeigt, eine scharfe Bombe steckt. Weil Jewell umgehend auf eine Räumung des Ortes drängt, kann die Explosion nicht ihre volle destruktive Kraft entfalten. Nach dem Anschlag, der ein direktes Todesoper und weit über hundert Verletzte fordert, wird der einfache Security-Mitarbeiter zuerst als Held gefeiert und gerät wenig später überraschend selbst als Hauptverdächtiger ins Fadenkreuz des FBI.

Eastwoods Vorliebe für Underdogs und Außenseiter, denen das System nicht selten übel mitspielt, zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere des Hollywood-Altmeisters und schlägt sich auch in „Der Fall Richard Jewell“ nieder. Durchaus packend schildert der Film, wie der kauzige, waffenvernarrte Protagonist vom Retter zum skrupellosen Attentäter stilisiert wird. Begierig stürzen sich Polizei und Medien auf die Brüche in seiner Laufbahn und schlussfolgern daraus, dass Jewell perfekt in das Profil des frustrierten, geltungssüchtigen Einzeltäters passt. Unstimmigkeiten werden einfach beiseitegeschoben. Und mehr als einmal rücken die Beamten dem Verdächtigen, der die Ermittlungen erstaunlich lange ohne Klagen über sich ergehen lässt, mit unlauteren Mitteln zu Leibe. Die ganze Tragik von Richards Schicksal entlädt sich in einer ehrlich ergreifenden Ansprache seiner Mutter Bobi, die unter den Anschuldigungen und der Belagerung durch die Presse leidet.

Als Aufarbeitung einer ungeheuerlichen Ungerechtigkeit hat das Anschlagsdrama zweifelsohne seine Stärken. Wie in manch anderen Eastwood-Filmen der jüngeren Vergangenheit trüben jedoch merkwürdige Drehbuchentscheidungen das Gesamtbild. Deplatziert wirken etwa einige plumpe Humoreinlagen, die Jewells naives Verhalten offen ausstellen und die Hauptfigur fast der Lächerlichkeit preisgeben. Fragwürdig ist zudem die Darstellung der real existierenden, 2001 verstorbenen Journalistin Kathy Scruggs, die, einem abgegriffenen Klischee folgend, in einer Szene Sex gegen polizeiliche Informationen anbietet und am Ende eine unglaubwürdige Wandlung durchläuft. Schwächen wie diese sorgen dafür, dass man das Kino mit gemischten Gefühlen verlässt.

Christopher Diekhaus

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