Anna

Länge:
120 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Kinostart:
18.07.2019
Regie:
Luc Besson
Darsteller:
Sasha Luss (Anna), Luke Evans (Alex), Helen Mirren (Olga), Lera Abova (Maud), Cillian Murphy (Lenny Miller), Alexander Petrov (Piotr) u. a.
Genre:
Thriller , Action
Land:
Frankreich, 2019

Star-Regisseur Luc Besson („Léon – Der Profi“, „Das Fünfte Element“, „Lucy“) hat wieder das getan, was er am besten kann: eine wunderschön-gefährliche Frauenikone erschaffen, die erst aus der Gosse gerettet werden muss und sich dann heiß- und kaltblütig zugleich ihren Weg erkämpft. Die dahinterstehenden Rollenbilder sind leider klischeehaft konstruiert und (glücklicherweise) weitestgehend überholt – und trotzdem bekommt man mit „Anna“ zumindest einen präzise inszenierten Thriller mit Eleganz und Power zu sehen, der in Highspeed durch eine weitverzweigte Story düst. Mit Loopings und sämtlichen Extras.


Nach dem Tod ihrer Eltern landet die junge Russin Anna erst auf der Straße und schließlich beim drogensüchtigen Kleinganoven Piotr – bis nach einem misslungenen Coup plötzlich ein KGB-Mann bei ihr auftaucht, Piotr tötet und Anna vor die Wahl stellt: Entweder sie folgt ihrem Lebensabschnittspartner in den Tod oder sie dient fünf Jahre beim Geheimdienst. Anna ist sich bewusst, dass sie letztlich nur einen grauen Käfig gegen den nächsten tauscht, doch schließlich lässt sie sich auf den Deal ein. Nach einem Jahr Ausbildung wird sie innerhalb kürzester Zeit zur russischen Top-Spionin und vollführt zugleich eine steile Model-Karriere in Paris als Tarn-Identität. Während der Shootings in der ganzen Welt macht sie immer wieder Abstecher, um Zielpersonen auszuschalten und geheime Informationen an sich zu bringen. Mit der späteren Freiheit vor Augen ist sie ihren Bossen gegenüber absolut loyal – bis sie erfährt, dass man den KGB höchstens in einem Leichensack verlässt. Von jetzt an nimmt sie ihr Leben selbst in die Hand und vollführt wahrhaftige Zaubertricks der Spionagekunst, um sich einen Weg in die wohlverdiente Freiheit zu ebnen.


Im ersten Gefühlsrausch macht „Anna“ im Kino absolut Spaß: eine Hauptfigur, die gnadenlos in ihren Bann zieht und ebenso anmutig wie zielsicher zwischen all ihren Identitäten und Charakterseiten wechselt, blitzschnelle Gefechte mit perfekt choreographiertem Schlagabtausch und eine optisch toll in Szene gesetzte Tour durch Gossen und Glanzviertel der Weltstädte Moskau, Paris und Berlin. Besson hat seine Actionfrau grandios inszeniert und Sasha Luss geht in ihrer ersten Hauptrolle voll und ganz auf, während sich alles rundherum dem vorgezeichneten Weg ihrer Figur fügt. Gibt man sich dem hin, kann man sich super mitreißen lassen, bis der Film im letzten Drittel auch im Aufbau der Story seine Glanzleistung offenbart: Denn nun wird eine Schicht nach der anderen freigelegt – wie bei einer Matroschka-Puppe –, bis Twist um Twist die gesamte Raffinesse Annas sichtbar wird. Denn als gnadenlose Schachspielerin von Kindestagen an hat sie natürlich jeden einzelnen Zug genau geplant. Und setzt schlussendlich zum großen Schachmatt an.


Insofern könnte man eine absolute Empfehlung aussprechen – und doch hat es durchaus seine Berechtigung, dass der Film gerade vom Feuilleton zerrissen wird. Denn die Figuren sind in ihren Rollenbildern alles andere als zeitgemäß inszeniert und man sollte meinen, dass der alte Besson es inzwischen besser wissen sollte und sich weiterentwickelt hat. Stattdessen wird schon einmal Dagewesenes in Highend neu geformt und bei genauerer Betrachtung legt sich ein leichter Schatten über das vermeintlich starke Frauenbild, das Anna verkörpert. Kein Wunder: Trotz ihrer Power und im beständigen Streben nach Unabhängigkeit wird sie von allen Seiten bloß wie ein Spielball behandelt. Und wenn man sich dann noch bewusst macht, dass Besson 2018 von einer seiner Schauspielerin sowie von fünf weiteren Personen Vergewaltigung vorgeworfen wurde (wenn auch das Verfahren schließlich eingestellt wurde), scheint doch ein eher instrumentalisiertes Frauenbild durch die Leinwand hindurch und man schämt sich ein bisschen über die vorhergegangene Euphorie im Kinositz. Sehenswert ist der Film trotzdem allemal. Nur bitte nicht unreflektiert. Denn da sind wir heute an anderen Stellen der Gesellschaft glücklicherweise schon bedeutend weiter.

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