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11.04.2019 - Star Trek: Discovery, The Orville und die Ermüdung der Dystopie

„Immer schön auf dem Teppich bleiben“

Im durchwachsenen Disneyfilm „A World Beyond“ sagt eine der Figuren etwas durchaus Pointiertes: die Menschen haben sich so sehr an die Darstellungen von Weltuntergängen und Schreckensszenarien gewöhnt, dass sie sie nicht mehr fürchten, sondern herbeisehnen. Die medialen Darstellungen der Vernichtung sind so mannigfaltig, dass man gar zu dem Schluss kommt, die Probleme der Welt und ihrer Regierungen in der Bekämpfung von Missständen liege auch darin begründet, dass man mehr oder weniger unbewusst darauf hinarbeitet, alles den Bach hinunter gehen zu lassen, weil die Fiktion auch immer einen Part von „Survialromantisierung“ beinhalte.

Konservative bis rechtsextreme Kreise sehnen sich mitunter nach Krieg und Zerstörung, weil ihrer Meinung nach nur so die Menschen wieder zu einem archaischen Idealbild zurückkehren könnten – und „moderne Errungenschaften“ wie Emanzipation, Teilhabe, Gleichberechtigung und dergleichen gleich mit weggefegt werden. Der Untergang der Zivilisation würde in dieser Lesart die Rückkehr einer fantasierten „besseren Vergangenheit“ bedeuten, ganz im Sinne von Slogans wie „Make America Great Again“, bei denen das „Again“ vor allem auf eine Zeit anspielt, in der die homogene Mehrheitsgesellschaft noch nicht mit den „Anstrengungen und Zumutungen“ konfrontiert wurde, die eine allumfassende Diversität mit sich bringen kann. Man will wieder unbeschwert über rassistische Witze lachen, ohne dass jemand sich daran stört (oder den Mut aufbringt dagegen anzureden), man will in Männerdomänen wieder ausschließlich unter sich sein, man will wieder „ungestraft“ alles ohne weiterführende Gedanken tun, was man meint, als privilegierter Mensch tun zu dürfen. In der Welt der Dystopie bedeutet dies letztlich auch, hemmungslos Gewalt gegen alles und jeden ausüben zu können, weil übergeordnete Instanzen fehlen. Gerade der Zombiefilm zerfällt da in zwei Lesarten, eben in jene des „survival of the fittest“ oder in jene, in denen eine Gesellschaftsform von einer anderen im reellen wie übertragenen Sinne gefressen wird. Kein Wunder, dass endgültige, unendlich melancholische Dystopien wie „These Final Hours“, in der alles Leben auf der Erde ausgelöscht wird, in diesen Kreisen wohl eher keinen Anklang finden dürften – wenn niemand mehr da ist, kann sich auch niemand mehr über den anderen erheben.

Die Dystopie beinhaltet meist den Kampf um das wenige, das noch existiert, das kompetitive Element ist immens wichtig. Man kann dies immer auch in eine progressive Richtung drehen, wie es etwa „Mad Max: Fury Road“ tut, aber im Großen und Ganzen ist es schon so, wie es die Figur aus „A World Beyond“ beschreibt: das ergötzen am Untergang ist das treibende Element. Die Utopie, also ein eher positives Zukunftsbild, erscheint in der Logik der medialen Aufmerksamkeit, die nach immer neuen Extremen verlangt, um Aufmerksamkeit zu generieren, dagegen geradezu langweilig. „Alles wird gut“ ist eine Randnotiz, „Oh mein Gott, wir werden alle sterben!“ eine Headline. Und dennoch war eine Utopie lange Zeit eine der beherrschenden Franchises auf dem Gebiet der Science-fiction: „Star Trek“. Natürlich gab es auch dort Konflikte, immense sogar, aber es überwog stets der Ton eines „Alles kann und wird sich zum Guten wenden, wenn wir nur an einem Strang ziehen.“ „Star Trek“ war immer auch das Versprechen auf eine Zukunft, in der ein Zusammenleben über ethnische und sogar Artengrenzen hinaus möglich ist, in der die Technik in erster Linie nicht entwickelt wird, um zu vernichten, sondern um zu helfen, in der die Neugierde die Angst immer besiegen kann. Selbst die hanebüchensten Geschichten (an denen „Star Trek“, bei aller Liebe, nicht arm war) atmeten diesen Geist.

Es wäre zuviel gesagt, würde man behaupten, dass dies mit der neusten Serie, „Star Trek: Discovery“, die inzwischen in zwei Staffeln vorliegt, aufgehört habe, aber der Bruch ist doch immens. Natürlich war jede neue Serie aus diesem Universum wieder anders als die vorangegangene, natürlich gab es immer Widerstand und die Gefahr, wie ein grantelnder Purist zu klingen, ist groß. „Make Star Trek Great Again?“ In der Tat kommen Vorwürfe an die neue Serie von teils geradezu obskuren Seiten. Wenn jetzt plötzlich bemängelt wird, dass es so viele Frauen und Nicht-Weiße Personen an Bord des neuen Schiffes gibt fragt man sich schon, ob die Kernaussage von „Star Trek“ von vielen Leuten einfach so lange ignoriert werden konnte, solange nur genügend weiße heterosexuelle Männer in der Geschichte vorkamen. Tatsächlich wird „Discovery“ für vieles angegriffen, aber seine dystopischen Tendenzen gehören eher weniger dazu. Seine Darstellungen von Diversität sind tatsächlich große Pluspunkte für die Serie und das „great again“ bezieht sich in diesem Text explizit nur auf die Gestaltung von Geschichten, die teils nur auf dem Papier etwas mit dem lebensbejahenden Kosmos zu tun haben, in dem Janeway, Kirk, Sikso, Picard und Archer zu Hause waren. Das „great again“ ist also in diesem Fall nicht als rückwärtsgewand im konservativen Sinne zu verstehen. Wir waren inhaltlich schon mal weiter. Tatsächlich ist „Discovery“ eine geradezu seltsame Melange aus Progressivität, was die Darstellung angeht, und ermüdenden Konservatismus, was das Schwelgen in dystopischen Ideen angeht.

Die Probleme fangen schon beim Setting an. „Discovery“ spielt zehn Jahre vor den Abenteuern von Captain Kirk und den Seinen an Bord des Raumschiffs Enterprise. Es fehlt hier gleich der Mut, das „Star Trek“-Universum nach den Enden der Serien „Deep Space Nine“ und „Voyager“ weiterzudenken. Man wagt nichts Neues, sondern greift auf Material zurück, das dem geneigten Zuschauer bekannt ist. Anders als aber die Serie „Enterprise“, die satte 100 Jahre vor Kirk spielte und die sich sowohl stilistisch als auch inhaltlich redlich bemühte, das „Star Trek“-Universum „wie aus einem Guss“ zu halten, versucht man es hier nicht einmal. Weder Schiffe noch Uniformen noch bereits bekannte Alien-Spezies noch Technik passen zu dem, was bereits bekannt ist. Haptische Elemente fehlen (die Helme der Raumanzüge wirken komplett wie aus einem anderen Universum), um Kontinuitäten wird sich gar nicht geschert (was zu so an sich amüsanten Beobachtungen führt wie jene Überlegungen, wann die Föderation beschließt, das klinische Innere der Schiffe aufzugeben und stattdessen alles mit Teppich auszulegen und eine fürs Auge angenehme Studiobeleuchtung zu etablieren, anstatt alles stets in einem monochromen Halbdunkel zu belassen). Schon seit der ersten Folge wäre es einfacher gewesen, einfach eine neue „Star Trek“-Galaxis zu eröffnen (wie sie mit den Kinofilmen mit Chris Pine und Zachary Quinto ja bereits an anderer Stelle existiert), anstatt alles, was die bisherige Timeline ausmacht, zu ignorieren und weiterhin zu behaupten, dies wäre das Universum, das man bereits seit 1966 kennen würde.

Noch schwerwiegender ist allerdings das, was „Discovery“ erzählt. Denn entgegen des Titels wird hier kaum etwas entdeckt, sondern hauptsächlich bekannte Dinge aus „Star Trek“ düster und grausam neu „interpretiert“. Es gibt Vergewaltigungen und Alptraumsequenzen, die direkt aus dem 1995iger Horrorfilm „Species“ entstammen könnten, grausamste Konzepte und politische Lösungen, die vor allem auf Angst und Terror basieren. Nach der Hälfte der ersten Staffel wird dann das leidliche Spiegeluniversum heraufbeschworen, das in der Vergangenheit immer dann bemüht wurde, wenn „Star Trek“ versuchte, unnötig düster zu sein. Wow, voll edgy und so. Es muss gesagt werden: die erste Staffel der Serie ist eine solche furchtbare Katastrophe, dass man über jede Teppichfliese in irgendeinem Quartier an Bord des Schiffes froh wäre. Mit der zweiten Staffel änderte sich das Konzept zum Glück etwas – man hat das Gefühl, wieder mehr Menschen hinter den Kulissen zu haben, die „Star Trek“ auch mal gesehen hatten. Mit der Konzentration auf die Verhinderung (immerhin) des Endes des gesamten Lebens in der Galaxis ist man dann aber nach einigen Folgen, die sich in bewährter „Star Trek“-Manier wieder den Charakteren und der neugierigen Ehrfurcht vor dem Universum widmen, wieder knietief im Untergang. Ja, dieser Untergang muss abgewendet werden und ja, die Figuren arbeiten an Lösungen, aber „Discoverys“ gesamte Bildsprache ergötzt sich so an der Möglichkeit der Vernichtung, dass der Angriff der Borg bei Wolf-359 wie ein Spaziergang wirkt. Das fängt bei der Beleuchtung des Captain-Quartiers an (man muss immer in der Nähe einer Sonne sein, damit es zwielichtig hereinscheinen kann) und endet bei dem ausgelutschten Topos der Prophezeiungen, die hier einen Spock heimsuchen, der in zehn Jahren deutlich altern wird. Aber ob jemand Leonard Nimoy ähnlich sieht oder nicht interessiert scheinbar auch nicht.

Wenn die Serie funktioniert, bietet sie interessante Folgen wie jene über die Entdeckung der fast allwissenden Sonde oder die über die Natur Sarus und seiner Spezies. Wenn es schief läuft, und das ist nach zwei Staffeln immer noch die Regel und nicht die Ausnahme, dann ist „Discovery“ ein überfrachtetes, überproduziertes Ungetüm mit relativ wenig von dem, was eine der eigentlich erbaulichsten Utopien der Science-fiction-Geschichte auszeichnet. In Zeiten, in denen Länder die EU verlassen oder nicht nach den Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens spielen wollen, Großstaaten wie die USA oder Brasilien von erzkonservativen Reaktionären regiert werden oder Länder wie Brunei die Todesstrafe für Homosexuelle wieder einführen wäre eine hoffnungsvolle Utopie eigentlich genau das, was die (Medien-)Welt gebrauchen könnte.

Doch an das oftmals deprimierend-leere „Star Trek – Discovery“ muss man sich dafür nicht wenden, fündig wird man eher bei „The Orville“ einer Science-fiction-Serie ausgerechnet von und mit „Family Guy“-Schöpfer Seth MacFarlane, die sich irgendwo zwischen Hommage, Parodie und ernsthafter Beschäftigung mit den Ideen von „Star Trek“ bewegt. Studiobeleuchtung, recht einfach zugängliche Geschichten, mehr Querverweise, als man sie zählen kann – „The Orville“ ist „Star Trek“ light, mal mehr „The Next Generation“, mal mehr „Voyager“, aber immer mit einem klaren utopischen Konzept im Hintergrund.

Es passieren auch in dieser Serie Dinge von großer Schwere: fremde Zivilisationen greifen die Erde an, eine Spezies von religiösen Fundamentalisten bedroht den Planetenbund, hier „Union“ genannt (selbstredend sehr viel fortschrittlicher als alles, was wir in Deutschland mit dem Wort „Union“ verbinden) und manche Charakterentscheidungen sind nach unserem ethischen Empfinden schlicht falsch. Aber „The Orville“ glaubt an die Zukunft und fürchtet sie nicht. Die Serie ist erfüllt mit einem Optimismus, der heute, eben in der Zeit der Untergangs-Übersättigung, vielleicht sogar naiv wirken kann, aber das Herz ist, wie man so schön sagt, am rechten Fleck. Zumal die Serie das Genre Science-Fiction gut verinnerlicht hat, sind viele Themen doch zeitgenössischer Natur, die in einem futuristischen Setting verhandelt werden. Mal übertreibt man hier den Symbolismus (ein Konzentrationslager für Personen mit dem „falschen“ Sternzeichen ist wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen), meist findet man ansehnliche Wege (in der Figur Bortus, einem Alien, dessen gesamte Spezies männlich ist, werden z.B. immer wieder Fragen von Sexualität, Identität und individueller Freiheit verhandelt). Das größte Problem von „The Orville“ ist eigentlich, dass sich die Serie etwas zu sehr als Comedy versteht und der Humor MacFarlanes nicht immer treffsicher ist. So schwebt immer über allem ein Hauch von „Vielleicht meinen sie es ja gar nicht ernst“, obwohl die Geschichten eine deutlich andere Sprache sprechen.

Es ist geradezu grotesk, dass man inzwischen, um endlich mal wieder ein positives Zukunftsbild im Fernsehen serviert zu bekommen, zu der Zweitverwertung greifen muss, weil das Original in die Falle des „dark & gritty“-Irrglaubens gegangen ist. Um im Bild zu bleiben: in „The Orville“ liegt der gefühlte Teppich überall. In „Star Trek - Discovery“ ist er (bisher) nur eine vage Ahnung am Horizont. Eigentlich wollen wir doch mutig dorthin gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist und uns nicht davor fürchten. Denn, das wissen wir ja nun wirklich zur Genüge, Furcht errichtet nichts weiter als Mauern.

Anmerkung: Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes ist die zweite Staffel von „Discovery“ zwölf Folgen alt, es fehlen also noch zwei bis zum Finale. Sollte sich in diesen eklatant etwas an der Wahrnehmung der Serie ändern, wird dies nachgereicht. Allerdings erwies sich der positive Cliffhanger der ersten Staffel auch als Mogelpackung, also …


Jan Noyer im April 2019