Blog

Übersicht

04.12.2017 - Erste deutsche Netflix-Serie „Dark“: Unheilvolle Verstrickungen in der deutschen Provinz

„4 Blocks“, „Babylon Berlin“ und nun „Dark“ – langsam, aber sicher kommt eine deutsche Serienrevolution ins Rollen, die von Pay-TV-Anbietern und Streaming-Diensten entscheidend vorangetrieben wird. Dass auch hierzulande komplexe, internationalen Ansprüchen genügende Erzählwelten möglich sind, zeigte das im Herbst 2017 veröffentlichte historische Kriminalformat „Babylon Berlin“, das auf einer Romanreihe von Volker Kutscher basiert. Mit großer Spannung erwartet wurde ebenso die Präsentation der ersten deutschen Netflix-Serie „Dark“, die sich durch einen starken Mystery-Einschlag und einen vielschichtigen Handlungsaufbau vom hiesigen Ermittler-Einheitsbrei abhebt.

Zu sehen bekam die Presse im Vorfeld lediglich die Episoden eins bis drei, was ein finales Urteil nicht erlaubt. Dennoch verdeutlicht schon der Ausschnitt, dass „Dark“ die deutsche Serienlandschaft um eine spannende Farbe bereichert und hoffentlich weitere abgründige Genre-Produktionen nach sich zieht. Die Handlung setzt ein im Jahr 2019 und führt den Zuschauer in die Kleinstadt Winden, die sich nach dem Verschwinden eines Jungen in heller Aufregung befindet. Die Kommissare Ulrich Nielsen und Charlotte Doppler tappen auch zwei Wochen, nachdem man den Vermissten zuletzt gesehen hat, noch immer im Dunkeln, weshalb zunehmend Erinnerungen an einen ähnlichen Fall vor vielen Jahren aufkommen. Als der durch den Selbstmord seines Vaters noch immer traumatisierte Teenager Jonas Kahnwald eines Nachts mit Freunden eine Höhle vor den Toren der Ortschaft aufsucht, geschieht das nächste Unglück.

Dass er die Mystery- und Spannungsklaviatur beherrscht, demonstriert Regisseur Baran bo Odar („Who Am I – Kein System ist sicher“, „Das letzte Schweigen“), der die Serie gemeinsam mit Jantje Friese entwickelte, bereits in Folge eins. Unheimlich inszeniert er den Wald, der den Handlungsort umgibt. Bedrohlich ragen die Türme des Kraftwerks empor, das mitten in der Landschaft thront. Trübe sind die regennassen Bilder, die einem sofort ein Unwohlsein in die Knochen kriechen lassen. Und an den Nerven zerren die dissonanten Klänge auf der Tonspur. Winden ist ein wenig heimeliger, rätselhafter Schauplatz, dessen Bewohner finstere Geheimnisse mit sich herumzutragen scheinen. Im Verlauf der ersten Folge kristallisieren sich Beziehungen und handfeste Konflikte heraus, wobei vier Familien ins Zentrum der Erzählung rücken.

Schon ganz am Anfang steht ein Zitat von Albert Einstein, wonach die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine große Illusion sei. Und eine Stimme raunt uns unvermittelt zu, dass man die Zeit – das Gestern, das Heute und das Morgen – als einen ewigen Kreislauf begreifen müsse. Wenig verwunderlich ist angesichts dieser bedeutungsschwangeren Hinweise, dass der Plot schon bald zu Sprüngen ansetzt und wir uns plötzlich im Jahr 1986 wiederfinden. Die Enthüllung neuer Ebenen befeuert das Interesse und hält die Spannung auf einem konstant ordentlichen Niveau.

Bei aller Freude über die für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Mystery-Atmosphäre wird man jedoch das Gefühl nicht los, dass die Macher in manchen Situationen zu viel des Guten wollen. Hier und da hätte man das Unheil in Ton und Bild etwas weniger penetrant beschwören können. Und noch dazu fällt es mitunter schwer, einige andere Genre-Vertreter zu ignorieren, die mal stärker und mal schwächer durchscheinen. Erinnert fühlt man sich etwa an „Twin Peaks“, an die US-Netflix-Produktion „Stranger Things“ mit ihrem nostalgischen 80er-Jahre-Charme, an Stephen Kings Kleinstadthorror „Es“, dessen gelungene Neuverfilmung erst vor kurzem in die Kinos kam, und auch an die französische Wiedergänger-Serie „The Returned“, die ebenfalls eine umfassend rätselhafte Stimmung aufbaut. Die Ähnlichkeiten und Bezüge lassen „Dark“ etwas weniger originell erscheinen als gehofft, sind aber kein Grund, sich Winden und seinen düsteren Geheimnisse nicht zu öffnen.

Altersempfehlung: ab 16 Jahre

Serienstart: 01.12.2017

Christopher Diekhaus, Dezember 2017