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19.06.2017 - Tote Mädchen Lügen nicht – Oder doch?

Ein Schuhkarton mit dreizehn Botschaften aus dem Jenseits, hinterlassen auf sieben Kassetten, liegt eines Tages vor der Tür des 17-jährigen Highschooljungen Clay. Auf ihnen protokolliert seine Freundin und Mitschülerin Hannah Baker 13 Gründe dafür, warum sie sich zwei Wochen zuvor in die Badewanne gelegt und sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Die Frage nach den Gründen für ihren Selbstmord ist jedoch nicht nur das zentrale Handlungselement der aktuell erfolgreichsten Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ (im Original „13 Reasons Why“). Sie ist auch Ausgangspunkt einer intensiven öffentlichen Debatte über das Tabuthema Suizid unter Jugendlichen, die von der Serie angestoßen wurde. Auf Facebook, Twitter und Snapchat, in Blogs, Foren, Zeitungsartikeln und im Alltag tausender Jugendlicher ist die Serie und damit verbunden die Frage nach dem korrekten Umgang mit dem Thema Suizid Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen. Vielmehr als ihre phänomenalen Zuschauerzahlen, ist dies der eigentliche Erfolg der spannenden Netflix-Serie.

Aber spulen wir zurück zum Anfang und hören, was Hannah Baker, die Protagonistin dieser dramatischen Geschichte zu sagen hat: „Nimm dir was zu Knabbern und mach´s dir gemütlich. Denn ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn du diese Kassette hörst, dann bist du einer der Gründe dafür!“. Als der schüchterne Clay, aus dessen Sicht die Geschichte in „Tote Mädchen lügen nicht“ erzählt wird, diese Worte seiner toten Freundin Hannah hört, bedeutet das für ihn den Beginn einer Spurensuche in einer gerade hinter ihm liegenden, traumatischen Vergangenheit. Wie in einem Audioguide nimmt Hannahs Stimme Clay und den Zuschauer mit in die Geschichte ihres Suizids. Jede Seite einer Kassette widmet sich einer Person und führt an jene Orte ihrer amerikanischen Kleinstadt, an denen sich Vorfälle ereignet haben, die in ihrer Verkettung schlussendlich zu Hannahs Selbsttötung führten. Im Stile eines klug konstruierten Thrillers erfährt der Zuschauer immer nur genau so viel wie Clay, wenn er die Kassetten anhört. Hannah berichtet von enttäuschten Hoffnungen, zerbrochenen Freundschaften, Eifersucht, Einsamkeit und Leistungsdruck, wie sie viele Jugendliche erleben. Die Kassetten erzählen aber auch von Sexismus, Stalking, (Cyber-)Mobbing, Alkohol und Drogen, Gewalt und Vergewaltigung. Nach und nach setzen sich die Puzzleteile zusammen, die dazu geführt haben, dass Hannah keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich das Leben zu nehmen.

Die Serie wechselt dabei zwischen Szenen, die in der Gegenwart spielen und Rückblenden auf das Leben Hannah Bakers vor ihrem Selbstmord. Im Zentrum beider Handlungsstränge steht der Schulalltag an ihrer Highschool, der von Neid und Missgunst, Machtspielen und Ansehen, Arroganz und Ignoranz, sozialer Ausgrenzung und existenziellen Krisen geprägt ist. In der Gegenwart treibt Clay hilf- und sprachlos in seiner „Welt ohne Hannah Baker“. Zögerlich hört er Kassette um Kassette. Seine Verwirrung und Scham steigern sich mit jeder Folge zu Angst und Wut. In trostlosen Grau- und Blautönen inszeniert die Kamera die Auswirkungen von Hannahs Tod auf ihre Eltern, Clay, ihre Mitschüler und Lehrer als eine Welt der Trauer und Verzweiflung. Unterstützt wird diese Stimmung durch einen famos zusammengestellten, sehr melancholisch düsteren Soundtrack. Die Rückblenden auf das Leben Hannahs werden dagegen farbenfroher gezeichnet. Meist scheint die Sonne, die Highschool erstrahlt in bunten Farben, die Musikauswahl ist etwas rhythmischer und leichter. Auch wenn hier die Gründe für Hannahs Freitod liegen, so finden sich auch Inseln des Glücks – ihre Freundschaft zu Clay, eine zärtliche, unerfüllte Liebe, jugendliche Leichtigkeit auf Partys, die warme Zuneigung ihrer Eltern, der erste Kuss, der Highschool-Ball oder lange Nachmittage mit Freunden im Lieblingscafé.

Folge um Folge entwirrt sich vor den Augen des Zuschauers ein komplexes Beziehungssystem, in dem die Rollen von Tätern, Opfern, Mitläufern und Komplizen bis auf wenige Ausnahmen nie schwarz-weiß gezeichnet werden. Täter werden zu Opfern, Opfer zu Tätern. Hannah ist längst nicht die Einzige in ihrer Schule, deren Leben von Gewalterlebnissen, Sprachlosigkeit, Einsamkeit und Stigmatisierung geprägt wird. Sie ist nicht die Einzige, die in dieser Serie unter Sexismus und sogar Übergriffen zu leiden hat. Und ebenfalls ist sie nicht die Einzige, die Selbstmord als einzigen Ausweg aus ihrer Situation sieht. Hannah erzählt jedoch ihre Geschichte, ihre persönliche Wahrheit, ihre Sicht auf die Dinge, und die weicht ein ums andere Mal von den Erinnerungen Clays und jenen ihrer Mitschüler ab. So wird der Zuschauer bewusst dazu bewegt, zu hinterfragen, wann sie manipuliert, lügt oder übertreibt, wann sie Situationen falsch interpretiert und wo sie selbst versagt. Erst im weiteren Fortschreiten der einzelnen Episoden offenbart sich das Ausmaß der individuellen Verfehlungen. Welche Rolle Clay dabei genau gespielt hat, ist lange Zeit weder ihm noch dem Zuschauer klar. Gerade das macht die Spannung der Serie aus.

Wer trägt welche Schuld am Tod Hannah Bakers? Was hätte jeder Einzelne tun können, um ihren Selbstmord zu verhindern? Hätte eine Geste gereicht? Ein Gesprächsangebot? Eine Handlung? Besseres Zuhören? Genaueres Hinsehen? Mehr Hilfsangebote? Oder der Mut über die eigenen Gefühle und Erlebnisse zu sprechen? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Charaktere, sondern auch die Zuschauer der Serie. Und es sind Fragen, die sich in dieser oder ähnlicher Form nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland viel zu oft gestellt werden müssen. Denn Verzweiflung, Liebeskummer, systematisches Mobbing, Depressionen oder Missbrauch – um nur einige Gründe zu nennen – veranlassen jedes Jahr in Deutschland mehr als 600 Jugendliche dazu, sich das Leben zu nehmen. Darunter sind im Übrigen dreimal mehr Jungen und junge Männer als Mädchen und junge Frauen. Damit ist Selbsttötung in Deutschland nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache junger Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Die Zahl der Suizidversuche ist sogar noch um zehn- bis zwanzigmal höher als die tatsächlichen Todesfälle. Unfassbare Zahlen und dramatische Schicksale, die in der Öffentlichkeit wegen eines befürchteten Nachahmereffekts gezielt verschwiegen werden. Polizei, Verkehrsbetriebe und Medien machen Selbsttötungen in der Regel nicht öffentlich. Die Gründe hierfür sind nachvollziehbar. Immer wenn ein aufsehenerregender Selbstmord Schlagzeilen macht, schnellen die Suizidzahlen in die Höhe.

Und so dauerte es auch nicht lange, bis die filmische Bearbeitung des Themas Suizid in „Tote Mädchen lügen nicht“ heftige Gegenreaktionen hervorrief. Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Gesundheitsorganisationen in aller Welt äußern große Befürchtungen, dass sich gerade labile Zuschauer Hannahs Entscheidung zum Vorbild nehmen könnten. Sie sehen insbesondere in der dramatisierenden Erzählung und der detaillierten Darstellung der Selbsttötung das größte Gefahrenpotenzial. Ebenso schwierig sei es, dass Hannahs Entscheidung zum Selbstmord als Ergebnis eines mit klarem Kopf gefällten Entschlusses auf Grundlage von 13 Gründen dargestellt wird. Suizid könnte als Möglichkeit wahrgenommen werden, sich Verhör zu verschaffen oder gar Gerechtigkeit zu erlangen. Schulbezirke nahmen die literarische Vorlage des amerikanischen Autors Jay Asher nach Erscheinen der Serie aus dem Verleih ihrer Bibliotheken, und das obwohl es zuvor über viele Wochen in den Bestseller-Listen vieler Länder stand und mit mehreren renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Amerikanische Schulpsychologen-Verbände entwickelten Handlungsleitfäden für den Umgang mit der Serie, Gesundheitsverbände und christliche Verbände sprechen Warnungen vor der Serie aus. In Neuseeland, dem Land mit der weltweit höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen, dürfen Jugendliche unter 18 Jahren die Serie nur noch im Beisein der Eltern oder anderer Erwachsener anschauen.

In Deutschland gibt es zu „Tote Mädchen lügen nicht“ keine Altersbeschränkung. Von den eingeführten Jugendschutzinstanzen wie FSK und FSM gibt es offenbar noch keinen passenden Modus für Altersfreigaben von Online-Serien wie dieser. Zunächst einmal sind es erwachsene Kunden, die sich bei Netflix ein Konto anlegen und außerdem handelt es sich um einen Streaming-Anbieter, der seinen Sitz im Ausland hat. Und im Grunde müsste über eine Altersbeschränkung auch nicht groß diskutiert werden, wäre da nicht der befürchtete Nachahmereffekt. Die Serie verherrlicht weder Gewalt noch Drogenmissbrauch. Sie banalisiert weder (Cyber-)Mobbing noch verklärt sie Suizid als romantischen Ausweg aus einem tristen Leben. Im Gegenteil, die traumatischen Konsequenzen für Betroffene, Freunde und Verwandte werden deutlich gezeichnet und gerade die Szene der Selbsttötung wird alles andere als heroisch oder romantisch inszeniert. Im Gegenteil: Die Wahrheit in Hannah Bakers Bekenntnissen wird öfter hinterfragt und ihre Version des Erzählten stellenweise als manipulativ und nicht ganz wahrheitsgetreu hinterfragt.

Netflix hat jedoch auf die Warnungen der Experten und die öffentliche Diskussion reagiert und weist vor der ersten Folge und einigen weiteren besonders drastischen Episoden auf den expliziten Inhalt hin und verweist auf eine Hilfswebseite für Menschen mit suizidalen Gedanken (was auch wir am Ende dieses Textes tun). Es stellt sich allerdings die Frage, ob eine Altersbeschränkung oder solche Einblendungen Jugendliche davon abhalten würden, sich die Serie anzuschauen, selbst wenn sie labil sind. Die Serie ist da draußen, sie wird millionenfach von Jugendlichen geguckt und noch häufiger diskutiert. Davon zeugen zahllose Posts und Kommentare in den sozialen Netzwerken und über 11 Millionen Tweets, die „Tote Mädchen lügen nicht“ zur meistdiskutierten Serie bei Twitter machen. Der „einfache Weg“, Jugendliche von dieser Serie fernzuhalten, um mögliche Nachahmereffekte zu verhindern, scheint angesichts dieser Zahlen aussichtlos. Vom „Werther Effekt“ war im Zusammenhang mit dieser Serie öfter die Rede. Dieser Effekt ist benannt nach Johann Wolfgang von GoethesRoman „Die Leiden des jungen Werthers“ aus dem Jahr 1774 und dem Nachahmungseffekt bei manchen seiner Leser, die sich wie Werther das Leben nahmen. Viele der Attitüden der Romanfigur wurden eine Zeit lang populär. So kam etwa Werthers Kleidung richtig in Mode. Ist es nun wahrscheinlich, dass wir einen Hannah Baker-Effekt erleben werden? Goethe war zunächst befremdet, wie sehr seine Romanfigur in der Rezeption einiger seiner Leser eingeengt wurde. Und tatsächlich ist auch Hannah Baker eine Figur, die sich nicht nur durch ihr tragisches Ende und ihren leicht pathetischen Vorwurf an die Menschen, die ihr nahestanden und begegneten einprägt. Rund um das Schicksal von Hannah Baker werden Reifungsprozesse und Probleme des Aufwachsens erzählt, in denen sich viele Zuschauer – und sicher nicht nur die jungen und schwer deprimierten unter ihnen – wiederfinden. Jugend ist zweifellos eine fordernde Lebensphase für die meisten von uns. Die Serie behandelt sehr sensibel Reifungsprozesse, die typisch sind im Jugendalter. Von Freundschaft, Liebe und Eifersucht erzählt sie ebenso wie von der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit. In diesem Prozess sind junge Menschen sowohl verletzlich als auch verletzend wenn Ablehnung, Abhängigkeit und Mobbing sich Bahn brechen. Doch so nuanciert, wie diese Serie das beschreibt, ist es auch im besten Sinn stärkend und persönlichkeitsbildend. Klingt das jetzt nach verfilmter Pädagogik? Keine Sorge: „Tote Mädchen lügen nicht“ tendiert mehr zum Thriller als zum Sozialdrama. Ihm gelingt das Kunststück, die ganz großen Themen vieler „Coming-of-age“-Plots zu umreißen und dabei immer zu fesseln, von der ersten bis zur letzten Minute.

Zweifellos sollten verwundbare Jugendliche, insbesondere jene mit auch nur entfernten Suizidgedanken die Serie nicht sehen. Hier wäre die Gefahr möglicher Nachahmereffekte einfach zu groß. Den meisten Jugendlichen, kann diese Serie allerdings nicht nur zugemutet werden. Sie kann, sinnvoll eingesetzt und sensibel begleitet, als guter Ausgangspunkt dienen, die schweren Themen, die in ihr angesprochen werden – nicht nur das Thema Suizid – zu diskutieren. Auf diese Weise kann die Serie unter Jugendlichen ein Bewusstsein für eine leider weit verbreitete düstere Realität erzeugen und dabei ihre Wahrnehmung für potentiell gefährdete Personen in ihrem Umfeld schärfen. Der renommierte, mittlerweile verstorbene Suizidologe Edwin Shneidman hat gesagt: „Wenn man der Öffentlichkeit kommuniziert, dass Suizid jeden betreffen kann, dass es Hinweise in Äußerungen und Verhalten von Menschen gibt, auf die man achten kann, und das Hilfe verfügbar ist, ist das ein Weg um Suizid zu verhindern.“ Betrachtet man die Serie unter dieser Perspektive, dann scheint sinnhafter als ein Verbot für Jugendliche, wenn Eltern und Lehrer die Serie gemeinsam mit Jugendlichen schauen und die Rezeptionserfahrungen der Jugendlichen, am besten nach jeder Folge, mit ihnen reflektieren. Ja, das bedeutet, dass man Zeit investieren und sich einem unangenehmen Thema behutsam gemeinsam mit den Jugendlichen nähern muss. Das ist nicht leicht. Aber der scheinbar leichte Weg ist im Leben nun mal nicht immer der richtige! Hannah Baker könnte darüber eine Geschichte erzählen, hätte sie eine andere Entscheidung getroffen.

Robert Herfurtner, Juni 2017

USA 2017, 13 Folgen

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren

Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Für Jugendliche eignet sich besonders das Kinder- und Jugendtelefon der „Nummer gegen Kummer“ mit der bundeseinheitlichen Nummer: 11 6 111. Die Beratung ist anonym und kostenfrei.