Piggy

Länge:
99 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Kinostart:
27.10.2022
Regie:
Carlota Pereda
Darsteller:
Laura Galán (Sara), Richard Holmes (Unbekannter), Carmen Machi (Mutter), Julián Valcárcel (Vater), Irene Ferreiro (Claudia) u. a.
Genre:
Thriller , Drama , Horror
Land:
Spanien, Frankreich, 2022

Junge, von ihrem Umfeld kleingehaltene Frau verliebt sich in einen Typ, der möglicherweise ein Serienkiller ist – und bricht aus ihrem Käfig aus. Mit dieser aus dem üblichen Thriller-Rahmen fallenden Erzählung trumpfte Michael Pearce 2017 in seinem knisternden Spielfilmdebüt „Beast“ auf. Ähnliches geschieht auch in Carlota Peredas abendfüllendem Erstling „Piggy“, der die Qualen und den unerwarteten Befreiungsschlag einer drangsalierten, hochgewichtigen Teenagerin schildert.


Worum es in „Piggy“ geht:


Egal, was sie macht, der Spott ihrer Umwelt ist der in sich gekehrten Sara sicher. Immer wieder wird sie als „fettes Schwein“ beschimpft. Und ständig muss sie fiese Streiche über sich ergehen lassen. Endlose Vorhaltungen kommen zu allem Überfluss auch noch von ihrer Mutter, die Sara das Gefühl gibt, faul und nutzlos zu sein. Nach einem Freibadbesuch an einem heißen Sommertag, der einmal mehr mit einer bösen Attacke endet, wendet sich allerdings unverhofft das Blatt. Sara beobachtet, wie ihre Peinigerinnen von einem Unbekannten entführt werden – und eilt ihnen nicht zu Hilfe. Während im Ort schon bald große Aufregung herrscht und die Polizei fieberhaft ermittelt, sucht der Täter Saras Nähe.


Wie „Piggy“ Erwartungen sprengt:


„Piggy“ basiert auf einem 2018 veröffentlichten Kurzfilm der Regisseurin, in dem die stark aufspielende Hauptdarstellerin Laura Galán bereits die zentrale Rolle innehatte. Saras Diskriminierungs- und Mobbingerfahrungen fängt der Film ebenso pointiert wie schmerzhaft ein. Unter die Haut gehen nicht nur die offenen Gemeinheiten. Auch die subtilen Formen der Schikane haben es in sich. Etwa, wenn eine Supermarktkassiererin der Protagonistin erklärt, sie verkaufe ihr die gewünschten Süßigkeiten nur auf eigene Gefahr. Eine ganze Weile erträgt Sara den Terror, ohne sich zu wehren, ist fast sprachlos. Mit ihrer brisanten Beobachtung hat sie plötzlich aber zum ersten Mal Macht über die anderen und kriecht langsam aus ihrem Schneckenhaus heraus. Folgen könnte ein simpel gestrickter Rachefeldzug, den ein Ausbruch Saras („Ich wünschte, ihr wärt alle tot!“) zu unterfüttern scheint. Pereda unterläuft jedoch konsequent die Erwartungen und lässt die gepeinigte Teenagerin eine seltsam zärtliche Beziehung zum geisterhaft wirkenden Täter aufbauen. Zwei Menschen haben sich hier offenbar gefunden. Sollten wir uns daher nicht einfach für sie freuen? Bekommen die Entführten womöglich genau das, was sie verdienen? „Piggy“ wirft unbequeme Fragen auf, konfrontiert uns mit moralisch zwiespältigen Geschehnissen und – besonders wichtig – nimmt seine Hauptfigur jederzeit ernst. Auch dann, als Sara in einer Szene halbnackt nach Hause laufen muss. Nicht selbstversätnlich, denn in Filmen passiert es leider viel zu oft, dass Hochgewichtigte der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Deftigeres Horrorterrain betritt der zwischen Emanzipationsdrama, Thriller und Slasher schwankende Film auf der Zielgeraden. Eben dort steigt die vorher nur selten hinaufschnellende Spannungskurve spürbar an. Auch, weil Sara nun entscheiden muss, welchen Weg sie gehen will. Verglichen mit dem eingangs erwähnten „Beast“ ist „Piggy“ weniger atmosphärisch und visuell nicht ganz so raffiniert. Die Themen gewichtsbedingte Diskriminierung und Mobbing packt der Film allerdings auf eigenwillig-erschütternde Weise an.

Christopher Diekhaus

Anbieter

FilmverleihPierrot Le Fou Filmvertriebs-GmbH