Pelikanblut

Länge:
121 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Kinostart:
29.09.2020
Regie:
Katrin Gebbe
Darsteller:
Nina Hoss (Wiebke), Katerina Lipovska (Raya), Adelia Ocleppo (Nikolina), Murathan Muslu (Benedict), Sophie Pfennigstorf (Alma)
Genre:
Drama
Land:
Deutschland, Bulgarien, 2020

Das Gute und das Böse in uns scheinen Regisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe anzuziehen. Bereits 2013 stellte sie in ihrem Langfilmdebüt „Tore tanzt“ einen tiefgläubigen jungen Außenseiter in den Mittelpunkt, der einem Psychopathen ausgesetzt ist beziehungsweise sich ihm aussetzt. In ihrem neuen Filmdrama ist es nun eine Adoptivmutter, die in der Aufopferung für ihr schwer traumatisiertes Kind über Grenzen geht. Der Titel des Films bezieht sich auf das christliche Symbol der Pelikanmutter, die sich mit dem Schnabel die Brust aufschlitzt, um mit dem Blut ihre toten Küken wieder zum Leben zu erwecken. Diese Pelikanmutter entdeckt die 45-jährige Wiebke auf einem Wandbild, als sie in Bulgarien ihr zweites Adoptivkind abholt. Ihre erste Adoptivtochter, die neunjährige Nikolina, soll endlich eine Schwester bekommen. Wie eine kleine Prinzessin sieht die fünfjährige Raya aus – mit ihren langen, blonden Locken und den großen, wachen Augen. Doch schon bald legt das Kind ein verstörendes, aggressives Verhalten an den Tag. Raya hortet heimlich Lebensmittel, schreit und schlägt ohne erkennbaren Grund um sich und probiert an den jüngeren Kindern in der Kita grenzwertige „Doktorspiele“ aus. Ein Psychologe diagnostiziert bei dem Mädchen eine schwere traumatische Störung und empfiehlt Wiebke dringend, sich professionelle Hilfe zu holen. Mehr und mehr stellt Rayas Verhalten eine Gefahr für sich selbst und ihre Umwelt dar. „Hast du auch Angst vor ihr?“, fragt Nikolina ihre Mutter. Doch Wiebke ist festentschlossen, im Alleingang ihre neue Adoptivtochter zu „heilen“. Ihre Aufopferung nimmt schließlich wahnhafte Züge an und treibt sie und die Kinder in eine totale Isolation.

Wie weit geht die Verantwortung einer Mutter für ihr Kind? Wie können schwer traumatisierte, gewalttätige Kinder in die Gesellschaft integriert werden? Lässt sich ein schweres frühkindliches Trauma heilen? Wo sind der Mutterliebe Grenzen gesetzt? Welchen Preis müssen und können Familienmitglieder dafür zahlen, dass sie dem Kind helfen wollen? Welche Verantwortung trägt eine Mutter gegenüber den anderen Geschwistern? Wie geht eine Mutter mit ihrer Hilflosigkeit um? Das sind nur einige Fragen, die dieser Film aufwirft, ohne sie beantworten zu wollen und zu können. Katrin Gebbe stellt zur Diskussion, umreißt viele Facetten dieser Extremsituation. So deutet sie beispielsweise an, dass Wiebke, grandios gespielt von Nina Hoss, vielleicht selbst mit einem Trauma zu tun hat. Oder sie hinterfragt die Praxis, sich im Ausland Kinder für die Adoption zu suchen und diese damit aus ihren kulturellen Zusammenhängen zu reißen. Der Film ist so vielschichtig und teilweise richtig schmerzhaft, dass er spannende Gespräche und ein Nachdenken über unsere menschlichen Grenzen provoziert.

Barbara Felsmann

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