Narziss und Goldmund

Länge:
118 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
12.03.2020
Regie:
Stefan Ruzowitzky
Darsteller:
Sabin Tambrea (Narziss), Jannis Niewöhner (Goldmund), Emilia Schüle (Lydia), Uwe Ochsenknecht (Meister Niklaus), Henriette Confurius (Lene), Kida Khodr Ramadan (Anselm), Matthias Habich (Burgherr), André M. Hennicke (Lothar) u. a.
Genre:
Drama , Literaturverfilmung
Land:
Deutschland, 2020

Die Schullektüre satt oder Hermann Hesse Fan? So oder so ist die Verfilmung des Literaturklassikers „Narziss und Goldmund“ sehenswert. Mehr als acht Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des zum Teil auch autobiografischen Romans wagt sich Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzy (Die Fälscher) an die irgendwann im Mittelalter spielende Coming-of-Age-Geschichte, die sich um zwei gegensätzliche Charaktere, den Mönch Narziss und die Künstlernatur Goldmund, dreht. Trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede fühlen sich die beiden seelenverwandt. Sie stehen gewissermaßen für das, was in jedem Menschen als Wechselspiel angelegt ist: Vernunft und Gefühl, Vergeistigung und Sinnlichkeit.

Als Kind wird Goldmund von seinem Vater in ein Kloster geschickt, weil der Sohn ihn zu sehr an seine von ihm verstoßene Frau erinnert, die ihm nicht so bedingungslos ergeben war, wie er es von ihr verlangt hatte. Sein ganzes Leben sucht Goldmund von nun an nach seiner verlorenen Mutter und dem Bildnis ihres Gesichts. Im Kloster lernt Goldmund den jungen Mönch Narziss kennen, der sich seiner annimmt, ihn beschützt und zu seinem Lehrmeister wird. Die beiden werden enge Freunde, wobei romantische Gefühle und homophile Neigungen von Narziss zwar anklingen, aber in der strengen Klosterhierarchie nicht ausgelebt werden können. Nach einigen Jahren nehmen die Freunde auf Anraten des Abts Abschied voneinander. Narziss möchte allem Weltlichen endgültig entsagen und sein Leben ganz in den Dienst des Glaubens stellen, während Goldmund sinnlichen Genüssen und den Frauen nicht abgeneigt ist und beinahe sogar eine Familie gründet. Jahre später begegnen sich die beiden Freunde erneut. Narziss ist inzwischen Abt und rettet Goldmund, der eine Lehre als Holzschnitzer gemacht hat, nach einer verbotenen Liebesaffäre mit einer Adeligen aus dem Kerker. Die beiden kommen sich wieder näher, als Goldmund einen Altar für das Kloster anfertigt, sehr zum Missfallen eines Klosterbruders, der sich dazu berufen fühlt, die alte „Ordnung“ wieder herzustellen.

Obwohl der hochkarätig besetzte Film ebenfalls im Spätmittelalter spielt, wollte Stefan Ruzowitzy kein gängiges Historiendrama mit abgedroschenen Kinobildern machen und stattdessen den universellen Charakter der Geschichte hervorkehren. Eher zeitgemäß und modern wirken die starken, äußerst selbstbewussten und begehrenden Frauenfiguren sowie vor allem die Kameraarbeit von Benedict Neuenfels. Er, der erklärtermaßen kein Fan von Hermann Hesse ist, hat eindrucksvolle Kameraeinstellungen für die Lebensgeschichte der beiden Freunde und insbesondere für Goldmund gefunden. Im Unterschied zu Narziss – Sabin Tambrea in einer alle anderen überragenden Glanzrolle – kostet Goldmund sein Leben in vollen Zügen aus. Indem der spannend inszenierte und emotional bewegende Film den mitunter schwülstigen Unterton des Romans und Hesses eher konservativ geprägtes Frauenbild genauso wie Klischeevorstellungen über das Spätmittelalter gegen den Strich bürstet, entstehen Irritationsmomente, die auch dazu anregen, die eigene Lebenseinstellung kritisch zu prüfen.

Holger Twele