Kajillionaire

Länge:
106 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 12 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 0 Jahren
Kinostart:
22.10.2020
Regie:
Miranda July
Darsteller:
Evan Rachel Wood (Old Dolio), Gina Rodriguez (Melanie), Richard Jenkins (Robert), Debra Winger (Theresa), Mark Ivanir
Genre:
Tragikomödie
Land:
USA, 2020

Fast sieht es wie ein seltsamer Tanz aus, wenn Old Dolio mit ihren Eltern Robert und Theresa geduckt an einem Zaun vorbeischleicht, um unbemerkt vom Vermieter zu ihrem Zuhause zu gelangen. Genauso seltsam anzuschauen, ist die Choreographie, mit der die junge Frau mit dem ebenso seltsamen Namen in eine Postfiliale hineintänzelt, um heimlich aus fremden Schließfächern deren Inhalt zu fischen. Old Dolio ist es gewohnt, einen absurden Alltag zu leben, um in Los Angeles über die Runden zu kommen. Zwar wohnt die Familie noch nicht mal in einer richtigen Wohnung, sondern in einem Büro neben einer Seifenfabrik. Doch lieber beschweren sich Old Dolio, Robert und Theresa nicht, denn sie sind mit der Miete im Rückstand. Um zu Geld zu kommen, hangeln die drei sich mit Betrügereien durch. Die geklauten Pakete werfen jedoch nicht viel ab – maximal ein Plüschtier, das man im Einkaufszentrum gegen einen gefundenen Kaufbeleg umtauschen kann. Als Gutscheine ihnen einen Freiflug nach New York ermöglichen, sehen sie die Chance, auf dem Rückflug durch angeblich verlorengegangenes Gepäck die Versicherung zu betrügen. So ließe sich das Problem mit der Miete lösen. Dabei begegnen sie Melanie. Die junge Frau schließt sich der Familie an, denn die Betrügerei reizt sie und sie hat selbst Ideen, wie man zu Geld kommen könnte. Old Dolio sieht Melanie zunächst als Fremdkörper in ihrem vertrauten Familiengefüge. Doch mit der Zeit muss sie sich immer mehr fragen, ob ihre Eltern sie selbst eigentlich gut behandeln oder nur als Komplizin ausnutzen.

Die amerikanische Künstlerin und Filmemacherin Miranda July („Ich und Du und alle, die wir kennen“) ist bekannt für ihren Blick für skurrile Situationen, merkwürdige Verhaltensweisen und absurde Alltagsbeobachtungen. Was die Figuren in Julys Geschichten, Filmen und Videoarbeiten machen, kann irritieren, schafft aber oft auch Bilder von eigenwilliger Schönheit. Auch in „Kajillionaire“ finden sich immer wieder schön schräge Momente, zum Beispiel wenn der Seifenschaum der benachbarten Fabrik zu regelmäßigen Zeiten über die Wände von Old Dolios „Zuhause“ wabert und weggeschippt werden muss. Überhaupt scheint es zunächst einfach absurd, wie die Familie sich durchs Leben trickst und dabei nicht auf einen grünen Zweig kommt. Doch mit dem Auftauchen von Melanie gewinnt die Geschichte sowohl an Tempo als auch an Tiefe. Immer wieder entstehen Momente, die von emotionaler Wärme sind und berühren. Zum Beispiel als Old Dolio, ihre Eltern und Melanie einen alten sterbenden Mann in seinem Haus beklauen wollen und dieser sich wünscht, dass sie in der Küche Alltagsgeräusche machen, damit er sich weniger allein fühlt. Old Dolio selbst macht durch Melanie die Erfahrung, wie es sein kann, wenn jemand warmherzig und zugewandt mit ihr umgeht. Haben ihre Eltern das jemals getan? Sie je wirklich wie eine Tochter behandelt? Für die spröde Old Dolio ist es nicht leicht, zu entscheiden, mit wem sie zukünftig durchs Leben gehen will. Getragen von einem großartig spielenden Schauspielensemble – allen voran Evan Rachel Wood als Old Dolio und Gina Rodriguez als Melanie – erzählt „Kajillionaire“ so schräg wie schlau von Zugehörigkeit und Einsamkeit und der Frage, wie gut einem die eigene Familie tut. 

Kirsten Loose

Anbieter

FilmverleihUniversal