In einem Land, das es nicht mehr gibt

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
100 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
06.10.2022
Regie:
Aelrun Goette
Darsteller:
Marlene Burow (Suzie), Sabin Tambrea (Rudi), David Schütter (Coyote), Jördis Triebel (Gisela), Claudia Michelsen (Elsa Wilbrodt)
Genre:
Drama
Land:
Deutschland, 2022

In einem Land, das es nicht mehr gibt, sprich der DDR, hießen Models Mannequins. Diese wurden in der Regel nicht durch Castings entdeckt, sondern im Alltag gefunden. So wie die Regisseurin und Drehbuchautorin Aelrun Goette. Sie wurde 1985 mit 19 Jahren auf der Straße angesprochen und arbeitete dann ein paar Jahre für die legendäre Mode- und Kulturzeitschrift „Sibylle“ sowie für den Betrieb „Exquisit“, der als einziger in der DDR teure Nobelkleidung herstellte. Schon lange wollte Aelrun Goette einen Film über „die im Westen fast unbekannte und glamouröse Welt der Mode in DDR-Zeiten“ machen, wie sie sagt. Nun endlich kommt er ins Kino. Dass sie darin auch eigene Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet, versteht sich von selbst.


Davon handelt in „In einem Land, das es nicht mehr gibt“:


Im Frühsommer 1989 wird die Ostberlinerin Suzie kurz vor dem Abi von der Schule geworfen. Der Grund: Besitz verbotener Literatur. Sie muss „sich in der Produktion bewähren“, das heißt als Zerspanungsfacharbeiterin im Kabelwerk Oberspree arbeiten. Die Arbeit ist trist und in ihrer „Brigade“, also ihrem Team, ist sie die absolute Außenseiterin. Allerdings kümmert sich die Brigadeleiterin Gisela mütterlich um die Neue. Und dann kommt plötzlich Farbe in Suzies grauen Alltag. Eines Morgens, als sie in der Straßenbahn sitzt, fotografiert sie ein Motorradfahrer von draußen. Was Suzie nicht weiß, der Schnappschuss wurde von dem talentierten Fotografen Coyote gemacht, der Verbindung zur „Sibylle“ hat. Das Foto wird dort veröffentlicht und sorgt für Aufsehen. Sie darf sich in der Redaktion vorstellen und bekommt die Chance, für die Zeitschrift zu modeln. Der extravagante Visagist Rudi bringt ihr „den aufrechten Gang“ bei, und zwar in zweierlei Hinsicht: auf dem Laufsteg, also dem Catwalk, und im Denken. „Niemand hat das Recht zu entscheiden, wer du bist“, sagt er einmal zu ihr. Einen Satz, den Suzie verinnerlicht. Durch Rudi taucht sie in die freie Modeszene des Ostberliner Underground ein. Und während hier ein unglaublich wilder Anarchismus ausgelebt wird, eröffnet ihr die „Sibylle“ eine Karriere zum ostdeutschen Super-Mannequin und damit die Chance, ihrer Bewährung im Kabelwerk zu entkommen. Doch nur unter der Bedingung, dass sie für die Staatssicherheit als „Informant“ tätig wird. „Was ist es dir wert, deinen Traum zu leben“, fragt die Chefredakteurin Elsa Wilbrodt. So steht Suzie vor einer schweren Entscheidung – drei Monate vor dem Fall der Mauer.


Lohnt sich der Film für dich?


Mit „dem Land, das es nicht mehr gibt“ wird sich filmisch immer wieder auseinandergesetzt – mal mehr, mal weniger klischeehaft, mal äußerst differenziert und mit Blick auf heutige Konflikte, wie z. B. Lars Kraume in seinem Spielfilm „Das schweigende Klassenzimmer“. Auch Aelrun Goette greift ein aktuelles Thema auf, erzählt sie doch vom Traum eines jungen Mädchens, ein Star in der Modeszene zu werden. Der steinige Weg dorthin ist natürlich nicht mit den Bedingungen von heute zu vergleichen, und doch ähneln sich die Anforderungen an die Persönlichkeit von Frauen. Denn heute – wie damals – ist es gerade in diesem „Business“ wichtig, fest zu sich zu stehen und allein seinem Innern zu folgen. Mit der Newcomerin Marlene Burow wurde hier eine Suzie gefunden, die diesen schwierigen, konfliktreichen Prozess glaubhaft zu spielen vermag. Und doch bleibt die private Geschichte etwas zu blass, fehlen die Emotionen. Hervorzuheben ist eine Szene, die besonders warmherzig ist und mitfühlen lässt, nämlich als Coyote Suzie zusammen mit ihren Brigadefrauen für die „Sibylle“ fotografiert – sie in einem langen Abendkleid, die Frauen in Arbeitskleidung. Wie sie sich zieren, dann schüchtern Coyotes Anweisungen folgen und schließlich alle befreit und glücklich lachen, ist einfach großartig gespielt und gefilmt. Von solcher Art hätte es mehr Szenen geben sollen.

Vor allem aber enttäuscht die klischeehafte Darstellung der gesellschaftlichen Strukturen in der DDR. Im Gegensatz zu ihren früheren Arbeiten gelingt es Aelrun Goette hier nicht, die Vielschichtigkeit der damaligen gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der immer wieder zu erlebenden individuellen Brüche sichtbar zu machen. Und das, obwohl gerade der Sommer 89 in der DDR so besonders war – einerseits geprägt durch den absoluten Stillstand und andererseits durch die Massenflucht in den Westen und zugleich das trotzige „Wir bleiben hier“-Aufbegehren.

Barbara Felsmann

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FilmverleihTOBIS Film