Ein nasser Hund

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
102 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
09.09.2021
Regie:
Damir Lukacevic
Darsteller:
Doguhan Kabadayi (Soheil), Mohammad Eliraqui (Husseyn), Derya Dilber (Selma), Kida Khodr Ramadan (Soheils Vater), Christoph Letkowski (Lehrer)
Genre:
Drama , Literaturverfilmung
Land:
Deutschland, 2020

Nach der Vorführung von „Ein nasser Hund“ im Alhambra-Kino im Wedding, also genau in dem Berliner Bezirk, in dem der Film auch spielt, konnte ich auf dem Klo ein Gespräch zwischen zwei Mädchen mithören. „Der Film ist echt cool“, meinte die eine und die andere: „Das ist das Beste, was man zurzeit im Kino sehen kann!“ Stimmt, dachte ich, und wirklich kreisten noch Tage später meine Gedanken immer wieder um diesen Film. Denn „Ein nasser Hund“ erzählt eine packende, radikale Geschichte um das schwierige Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen.


Darum geht es im Film „Ein nasser Hund“:


Der 16-jährige Soheil ist Jude und zieht mit seiner aus dem Iran stammenden Family nach Berlin-Wedding. Aufgewachsen im beschaulichen Göttingen findet er sich in einem Kiez wieder, in dem die meisten an den Islam glauben. Schon bald wird er in einem Laden von jungen Arabern bedroht, weil er offen eine Kette mit dem Davidstern trägt. Er muss schnell feststellen, dass er in diesem Umfeld seine Identität besser verleugnen sollte. Sein Aussehen und seine iranische Herkunft erleichtern ihm dies, denn alle glauben, im Iran gibt es eh nur Muslime. Zunächst ist Soheil als Einzelgänger unterwegs, doch als waghalsiger Sprayer macht er dann auf sich aufmerksam und wird in einer Clique junger Araber mehr als aufgenommen. Mit dem Anführer Husseyn entwickelt sich eine ganz enge Freundschaft. So eng, dass Husseyn seinen „ungläubigen Bruder“ sogar mit in die Moschee nimmt. Schließlich könnte Husseyn es nicht verkraften, wenn Soheil später in der Hölle landet und er nicht. Auf die Idee, dass es einen Grund gibt, warum Soheil nicht an einen Gott glaubt, kommt Husseyn nicht. Und der Schein trügt ja auch. Soheil, der sich in der Clique beweisen will, tut sich besonders hervor, als ein Juwelierladen von „dreckigen Juden, die das meiste Geld im Land haben“ überfallen werden soll. Oder bei einem Kampf mit einer verhassten Gang aus Berlin-Kreuzberg, bei dem er deren Anführer mit einem Messer schwer verletzt. Doch dann verliebt sich Soheil in die junge Türkin Selma und sie entdeckt durch einen Zufall seine wahre Identität. Nach langen Gesprächen mit seinen Eltern, die ihm erzählen, warum sie als Angehörige des Judentums nicht mehr im Iran leben konnten, will Soheil endlich zu seiner Herkunft stehen. Er outet sich in seiner Gang, nichtsahnend in welch gefährliche Situation er sich damit bringt.


Lohnt sich ein Blick in den Film für mich?


Im Iran, erzählt Soheils Vater seinem Sohn, gibt es das antisemitische Sprichwort: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“. So lautet auch der Titel des autobiographischen Romans von Arye Sharuz Shalicar, der seine Jugend als Jude unter Muslim*innen im Berliner Wedding verbrachte und heute mit seiner Frau und zwei Kindern in Israel lebt. Dieses Buch aus dem Jahr 2010 hat Regisseur und Drehbuchautor Damir Lukačević („Heimkehr“, „Transfer“) verfilmt und dabei in der Jetztzeit angesiedelt. Für die Atmosphäre im berühmt-berüchtigten Wedding findet er unglaublich authentische Bilder. Die beiden Hauptfiguren einschließlich der Clique, hauptsächlich mit Laien besetzt, agieren bemerkenswert realistisch und intensiv in ihrer Härte „Feinden“ gegenüber wie aber auch in ihrer rauen Herzlichkeit und Innigkeit, wenn es um die Familie und Freunde geht. Gerade bei Szenen, in denen Solheil und Husseyn miteinander umgehen, habe ich regelrecht Gänsehaut bekommen. Doch überhaupt nicht losgelassen haben mich die vielen Episoden, die von der Unversöhnlichkeit zwischen Angehörigen jüdischem und muslimischem Glaubens erzählen wie aber auch vom alltäglichen Rassismus überhaupt. Und der scheint bei uns allen latent vorhanden zu sein. So wird beispielsweise Soheil – weil die Menschen von seinem Aussehen darauf schließen, dass er Araber ist  – immer wieder im Jüdischen Gemeindehaus kontrolliert oder von seinem Lehrer plötzlich ganz anders behandelt, nachdem er sich als Jude geoutet hat. Besonders unter die Haut gehen die erste und letzte Szene des Films. Sie führen nach Nahost und erwecken den Eindruck, dass es für diese Konflikte offenbar keine oder zumindest keine einfachen Lösungen gibt.

Barbara Felsmann

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FilmverleihWarner

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