Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Serienstart:
19.02.2021
Staffel:
1
Folgen:
8
Länge der Folgen:
46-57 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Regie:
Philipp Kadelbach
Darsteller:
Jana McKinnon (Christiane), Lena Urzendowsky (Stella), Lea Drinda (Babsi), Michelangelo Fortuzzi (Benno), Jeremias Meyer (Axel), Bruno Alexander (Michi) u. a.
Genre:
Drama , Biopic
Land:
Deutschland, 2021

Für nicht wenige war es ein Schock, als im Jahr 1978 das von den Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck verfasste Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erschien. Beschrieben wurden darin in ungeschönter Deutlichkeit die Erfahrungen der minderjährigen Christiane Felscherinow, die sich im Drogen- und Prostitutionsmilieu rund um den West-Berliner Bahnhof Zoo bewegt hatte. Der große Erfolg des anhand von Tonbandaufnahmen zusammengestellten Tatsachenberichtes zog eine von Uli Edel („Zeiten ändern dich“, „Der Baader Meinhof Komplex“) inszenierte Leinwandadaption nach sich. Unter dem Titel „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ kam die Verfilmung 1981 in die Kinos und bot wegen ihrer teils drastischen Darstellungen allerhand Diskussionsstoff. Eine achtteilige, bei Amazon veröffentlichte Serie versucht sich nun an einer Auffrischung dieser Geschichte, nimmt sich dabei aber – wie gleich vorweggeschickt wird – einige kreative Freiheiten.


Worum es in der Neuauflage von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ geht:


Einfach ist das Familienleben der Teenagerin Christiane nicht. Im Gegenteil, ständig gibt es Streit zwischen ihren Eltern Karin und Robert. Meistens geht es um das verantwortungslose Verhalten ihres Vaters, der mit immer neuen Luftschlössern um die Ecke kommt. In der Schule sehnt sich das mit dem Spitznamen „Banane“ bedachte Mädchen nach Anschluss und sucht die Nähe der frühreifen Stella, die es mit ihrer alkoholkranken Mutter zu Hause ebenfalls nicht leicht hat. Im Schlepptau ihrer Klassenkameradin geht Christiane schließlich immer öfters in die legendäre West-Berliner Diskothek „Sound“, wo alle möglichen Drogen die Runde machen. Eben dort freunden sich die beiden mit Axel, Benno und Michi an und treffen auch die aus gutsituierten Kreisen stammenden Babsi, die gegen die Anweisungen ihrer strengen Großmutter rebelliert. Bei ihren ausgelassenen Partynächten probiert die Sechserclique regelmäßig verschiedene Rauschmittel aus. Spätestens als sich die Jugendlichen dem Heroin zuwenden, verlieren sie mehr und mehr die Kontrolle.


Lohnt sich die Serie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“?


Nahm der auf dem Buch beruhende Film fast ausschließlich die Perspektive der Titelheldin ein, weitet die von Annette Hess („Weissensee“) als Headautorin betreute und unter der Regie von Philipp Kadelbach („Unsere Mütter, unsere Väter“) entstandene Serie den Blick für mehrere Figuren im Umfeld Christianes. Einzelne Personen und Ereignisse sind, so wird betont, jedoch fiktionalisiert oder frei erfunden. Überraschen dürfte Kenner der Hintergründe und des Kinowerks besonders eine Entscheidung der Macher*innen. Zu keinem Zeitpunkt lässt sich hundertprozentig bestimmen, wann Amazons „Wir Kinder vom Bahnhof“ spielt. Frisuren und Mode deuten auf die 1970er Jahre hin, also die Zeit, in der die echte Christiane in die Drogenszene eintauchte. In den Dialogen tauchen aber neben altmodischen Begriffen auch modernere Wörter auf. Und zahlreihe verwendete Musikstücke stammen aus späteren Jahrzehnten. Über die vage Verortung des Geschehens, mit der Hess und ihre Kollegen den universellen Charakter des Stoffes betonen wollen, kann man sicher diskutieren.

In der Auftaktfolge fällt die Orientierung zusätzlich schwer, da wir ständig zwischen mehreren Figuren und Schauplätzen hin- und herspringen. Die anschließenden Episoden lassen die Beziehungen, die Backstorys und die Bedeutungen mancher Orte dann immer klarer werden. Obwohl die Serie Christianes Gruppe eingehender vorstellt, bekommen nicht alle Mitglieder die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt. So bleiben Axel und Michi konturloser als die anderen Vier. In der ersten Hälfte verschwindet außerdem Babsi manchmal für längere Passagen von der Bildfläche.

Um ihre Abhängigkeit befriedigen zu können, greifen die Protagonist*innen permanent zu verzweifelten Mitteln, gehen etwa auf den Straßenstrich und lassen sich zu kriminellen Taten hinreißen. Einige dieser Momente und auch so manche Dramen in den familiären Kreisen gehen durch Mark und Bein, was vor allem den starken Jungdarstellern zu verdanken ist. Jana McKinnon und ihre Ko-Stars setzen nicht auf gekünstelte Posen, sondern kehren die Ängste und Verletzungen der Teenager mit Gespür für Feinheiten nach außen.

Mehrfach schauen wir in Abgründe. Nach Sichtung der acht Episoden stellt man allerdings fest, dass „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ allzu niederschmetternde Eindrücke vermeidet. Das Rauschgefühl der Jugendlichen transportiert Regisseur Kadelbach über die Musik, Unschärfen und diverse surreale Bildeinfälle auf eindringliche Weise. Die Gestaltung bewegt sich mitunter jedoch am Rande der Verherrlichung. Die Folgen regelmäßigen Heroinkonsums werden zwar beleuchtet. Dafür, dass sie an versifften Orten herumlungern, sehen die Hauptfiguren aber häufig noch zu gepflegt aus. Was Entzugserscheinungen bewirken und welche Spuren die Sucht am Körper hinterlässt, bekommen wir bloß in abgemilderter Form zu Gesicht. Der fehlende Mut, die wirklich hässlichen Seiten zu zeigen, bringt die gut gespielte Serie leider um ein Stück ihrer Ausdruckskraft.

Christopher Diekhaus

Weitere Angaben

Filmtyp: Farbe

Streaming-Anbieter

Angaben beruhen auf Informationen zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung (8. Woche 2021).