Systemsprenger

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
119 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
19.09.2019
Regie:
Nora Fingscheidt
Darsteller:
Helena Zengel (Benni), Albrecht Schuch (Michael Heller), Gabriela Maria Schmeide (Frau Bafané), Lisa Hagmeister (Bianca Klaaß), Melanie Straub (Dr. Schönemann), Victoria Trauttmannsdorff (Pflegemutter Silvia), Maryam Zaree (Elli Heller), Tedros Teclebr
Genre:
Drama
Land:
Deutschland, 2019

„Kommt mir bloß nicht zu nahe“, kommuniziert die neunjährige Bernadette, die nur Benni genannt werden möchte, nach außen. Wer aus Versehen ihr Gesicht berührt, muss mit heftigen Attacken des kleinen Energiebündels rechnen. Benni rastet dann förmlich aus. Als sie noch ganz klein war, wurden ihr zur Strafe immer nasse Windeln ins Gesicht gedrückt. Etwas Ähnliches möchte sie nie wieder erleben. Natürlich will Benni vor allem geachtet und geliebt werden, insbesondere von ihrer Mutter. Die allerdings ist restlos überfordert und hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Das geht Benni überall so. In jeder neuen Pflegefamilie, Wohngruppe oder Sonderschule fliegt sie nach kürzester Zeit wieder heraus. Auch das Jugendamt weiß nicht mehr weiter, obwohl Benni in Frau Bafané eine beständige Fürsprecherin gefunden hat. Diese arrangiert es, dass der Anti-Gewalttrainer Micha sich bereit erklärt, das Mädchen in einem dreiwöchigen Selbsterfahrungskurs mit integrierter Erlebnispädagogik aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien – in einem abgeschiedenen Blockhaus und ohne Stromversorgung. Das Experiment glückt, doch nach der Rückkehr klammert sich Benni verzweifelt an Micha. Der hat bereits eine eigene Familie und gerät nun ebenfalls an seine Grenzen.

Vor wenigen Jahren noch war die Filmstudentin Nora Fingscheidt Teilnehmerin des Deutschen Jugendfilmpreis, der für junge Filmamateure bis 25 Jahren gedacht ist. Gleich mit ihrem atemberaubenden Debütspielfilm „Systemsprenger“ gewann sie dann auf der Berlinale 2019 einen Silbernen Bären. Ihr Film wurde von Deutschland noch vor Kinostart sogar für den begehrten „Auslands-Oscar“ als bester fremdsprachiger Film nominiert. Ganz so einfach war diese Bilderbuchkarriere dann doch nicht. Die Filmemacherin arbeitete mehr als fünf Jahre an diesem Stoff über ein Problemkind, das in der Amtssprache als Systemsprenger bezeichnet wird. Diese verhaltenssauffällig gewordenen Kinder rebellieren nach oftmals traumatischen Erfahrungen mit unglaublicher Kraft gegen alles, was sich ihnen in den Weg stellt, wobei sogar erfahrene Sozialarbeiter schnell an ihre Grenzen geraten. Leider rutschen viele von ihnen später in die Kriminalität ab. Ein schwieriges Thema also, aber ein Film, der durch seine herausragende Hauptdarstellerin Helene Zingel, die unbändige Wut und sensible Verletzlichkeit gleichermaßen authentisch verkörpern kann, sowie durch die kinotaugliche Umsetzung absolut sehenswert ist. Der Regisseurin gelang es, trotz der häufigen Ausraster von Benni ein liebevolles Verständnis ihrer Person und ihrem Verhalten gegenüber zu wecken. Sie nutzte Kamera, Ton und Montage so konsequent, dass die Gefühlswelt dieses Kindes einen Sog erzeugt, dem man sich als Zuschauer kaum entziehen kann.

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