Stillwater – Gegen jeden Verdacht

Prädikat wertvoll
Länge:
140 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
09.09.2021
Regie:
Tom McCarthy
Darsteller:
Matt Damon (Bill Baker), Camille Cottin (Virginie), Abigail Breslin (Allison Baker), Lilou Siauvaud (Maya), Deanna Dunagan (Sharon) u. a.
Genre:
Drama , Thriller
Land:
USA, 2021

Mit seinem auf wahren Begebenheiten beruhenden Drama „Spotlight“, das die hartnäckige Recherche einiger Journalist*innen zu Missbrauchsfällen in der römisch-katholischen Kirche in Boston beschreibt, sorgte Tom McCarthy für großes Aufsehen und sammelte diverse Preise, unter anderem einen Oscar für das beste Originaldrehbuch, ein. Auch für „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“, der 2021 in Cannes uraufgeführt wurde, ließ sich der Regisseur und Autor, zumindest in Ansätzen, von einer schlagzeilenmachenden Geschichte aus dem echten Leben inspirieren. Erinnerungen an den Fall der im italienischen Perugia brutal ermordeten Meredith Kercher und die schnell als Hauptverdächtige identifizierte US-Austauschstudentin Amanda Knox, die nach einem wendungsreichen Justizmarathon 2015 in letzter Instanz freigesprochen wurde, drängen sich beim Anblick des Films förmlich auf. Immerhin versucht hier ein von Matt Damon gespielter Amerikaner, die Unschuld seiner in Frankreich wegen eines Tötungsdeliktes einsitzenden Tochter zu beweisen.


Worum es im Film „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ geht:


Als Ölbohrarbeiter war Bill Baker früher stets gut ausgelastet, mittlerweile hält er sich nur noch mit Aushilfsjobs über Wasser. Sein mühsam verdientes Geld nutzt er, um regelmäßig nach Marseille zu reisen, wo seine zum Studium nach Frankreich gegangene Tochter Allison seit nunmehr fünf Jahren im Gefängnis sitzt, nachdem sie für den Mord an ihrer Mitbewohnerin und Liebhaberin verurteilt wurde. Bills Glaube an ihre Unschuld und seine Zuversicht, sie aus dem Knast holen zu können, sind ungebrochen. Erst recht, als sie ihm von neu aufgetauchten Hinweisen erzählt und ihn bittet, die Informationen an ihre Anwältin weiterzugeben. Die Verteidigerin erklärt die Indizien jedoch für unbrauchbar und weigert sich, tätig zu werden. Aus Sorge, Allisons Stimmung auf lange Sicht zu dämpfen, verheimlicht Bill ihr die Abweisung und beschließt, eigene Nachforschungen anzustellen. Unter die Arme greift ihm dabei die Schauspielerin Virginie, die mit ihrer Tochter Maya vorübergehend im selben Hotel lebt, da ihre neue Wohnung noch nicht bezugsfertig ist.

Wer Matt Damons Darstellung des Killerspions Jason Bourne und den Actionstreifen „96 Hours – Taken“ vor Augen hat, kann auf die Idee kommen, „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ würde ebenfalls brachiale Wege beschreiten. McCarthys Protagonist Bill zeigt sich zwar wild entschlossen, seine Tochter freizukriegen, packt allerdings erst einmal nicht die Fäuste aus. Vielmehr präsentiert uns das Drehbuch einen besorgten Vater, der eher hilflos und naiv durch eine ihm fremde Umgebung stolpert. Seine fehlenden Sprachkenntnisse sind ein Hindernis. Und auch sein irgendwie amerikatypisches Drängen auf eine schnelle Lösung trägt nicht gerade zum Gelingen der Mission bei. Ohne Virginie wäre Bill aufgeschmissen. Ihre Unterstützung weiß er aber mindestens in einem Moment nicht wirklich zu schätzen. Als sie die Befragung eines mit rassistischen Äußerungen um sich werfenden Zeugen verärgert abbricht, kommt es zu einem Streit, da der Besucher aus der US-Kleinstadt Stillwater kein Problem darin sieht, den zu Falschaussagen bereiten Hinweisgeber weiter anzuhören. So gut man Bills Sorge und seinen Schmerz nachvollziehen kann, irritiert es doch, dass er sich teilweise wie ein Trampeltier benimmt. Überhaupt lassen McCarthy und seine Koautoren keinen Zweifel daran, dass wir es mit einem Mann zu tun haben, der in seinem Leben schon öfters falsch abgebogen ist. Nicht umsonst kristallisiert sich in den eindringlichen Begegnungen mit Allison ein belastetes Vater-Tochter-Verhältnis heraus, das wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass er nun alle Hebel in Bewegung setzt. Der gläubige Bill will offenbar Buße tun für die Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit.


Kann „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ überzeugen?


Im Mittelteil schlägt der Film eine unerwartete Richtung ein, indem er sich stark darauf konzentriert, wie sich Bill, Virginie und Maya annähern. Eine klischeehafte romantische Entwicklung hätte es zwar nicht gebraucht. Zahlreiche kleine Alltagsbeobachtungen verraten allerdings mehr über die Figuren, ihre Sehnsüchte und Haltungen. Etwas zu kurz kommt leider der Schauplatz. Obwohl an verschiedenen Stellen betont wird, dass Marseille eine Stadt mit eigenen Regeln und Gesetzen ist, wird nicht ganz klar, worin die Besonderheiten bestehen. Wenn das Thriller-Drama gegen Ende die Spannungsschraube wieder anzieht, hat McCarthy den Mut, einige Irritationen und Zweifel innerhalb der Geschichte aufrechtzuerhalten. Restlos überzeugen kann das letzte Drittel jedoch nicht. Denn erstens gehört der Zufall, der für den entscheidenden Handlungsumschwung sorgt, in die Kategorie „Weit hergeholt“. Und zweitens bringt der Film einige anschließende Wendungen zu hastig hinter sich.

Interessant ist „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ übrigens vor dem Hintergrund der Frage, wie man mit realen Ereignissen und Personen in einer Kinoproduktion umgehen darf/sollte. Amanda Knox, deren Erlebnisse direkt in die Prämisse einflossen, äußerte öffentlich, vor allem in dem lesenswerten Beitrag „Who Owns My Name?“, ihre Verärgerung über den Regisseur und seine Mitstreiter. Vorab habe niemand den Kontakt zu ihr gesucht. Und einmal mehr würde ihre Leidensgeschichte zu Unterhaltungszwecken ausgeschlachtet. Vorwürfe, die man einerseits relativieren muss, immerhin erzählt der Film in erster Linie von einer gänzlich fiktiven Vaterfigur. Andererseits ist es durchaus problematisch, dass der Name der jungen Frau gezielt benutzt wurde, um „Stillwater – Gegen jeden Verdacht“ zu bewerben.

Christopher Diekhaus

Anbieter

FilmverleihUniversal