Nur eine Frau

Länge:
0 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
09.05.2019
Regie:
Sherry Hormann
Darsteller:
Almila Bagriacik (Aynur), Aram Arami (Tarik), Merve Aksoy (Shirin), Mehmet Atesci (Sinan), Jacob Matschenz (Tim), Idil Üner (Dilber), Rauand Taleb (Nuri)
Genre:
Drama , Dokumentation
Land:
Deutschland, 2019

Die 23-Jährige Berliner Türkin Aynur wird im Jahr 2005 auf offener Straße von ihrem jüngeren Bruder mit drei Schüssen in den Kopf hingerichtet. Hier beginnt das Dokudrama, das auf der wahren Geschichte von Hatun Sürücü, genannt Aynur, beruht. Die junge Frau erzählt aus dem Off, sozusagen aus dem Jenseits, von ihrem viel zu kurzen Leben. „Ich war ein Ehrenmord.“


Schon in der 8. Klassen wird das selbstbewusste Berliner Mädchen, das Kopftuch trägt und gerne Rapmusik hört, aus der Schule genommen und mit ihrem Cousin in der Türkei zwangsverheiratet. Aber es dauert nicht lange und Aynur kehrt hochschwanger zur Familie nach Berlin zurück. Der neue Ehemann hat sie schwer misshandelt. Für die strenggläubigen türkisch-kurdischen Eltern und ihre Brüder, auch die beiden Schwestern, grenzt das an eine Katastrophe. In der patriarchalen Ordnung mit dem rückwärtsgewandten Frauenbild ist dieser Akt des Ungehorsams eine Ehrverletzung der ganzen Familie. Alle sehen das so, nur nicht Aynurs Lieblingsbruder Aram, der sie als Einziger unterstützt. Bald kommt Aynurs Sohn Can zur Welt. Jetzt erst recht will sich die junge Frau nicht mehr vorschreiben lassen, wie sie und ihr Kind zu leben haben. Aynur kann mit Hilfe des Amtes einen Heimplatz für ledige Mütter ergattern. Hier findet sie in Shirin eine wichtige Freundin für ihr neues Leben. Bald fällt das Kopftuch, die Kleidung wird jugendlich und körperbetont, die Freundinnen gehen nachts aus. Aynur ist lebenshungrig und genießt ihre Freiheit, sie kann eine eigene Wohnung beziehen und findet einen Ausbildungsplatz zur Elektroinstallateurin. Den Kontakt zur Familie hält sie, aber ihre Brüder Tarik, Sinan und Nuri beschimpfen die Schwester immer wieder. Tarik und Sinan lassen sich von einem muslimischen Prediger beraten. Als sich Aynur in den Deutschen Tim verliebt, werden aus Beleidigungen und Beschimpfungen offene Drohungen und Aggression, aber Aynur hält an ihrer Familie fest, ebenso wie ihr Freiheitswille ungebrochen bleibt. Schließlich erstattet sie Anzeige gegen den älteren Bruder, entschließt sich von Berlin wegzuziehen, aber da ist es bereits zu spät.


Regisseurin Sherry Hormann setzt das fantastische Drehbuch von Florian Oeller, das auf dem Sachbuch „Ehrenmord. Ein deutsches Schicksal“ und auf den umfangreichen Gerichtsakten beruht, mit einer beeindruckend geradlinigen Erzählweise um, die von der ersten Minute an einen starken Sog entfaltet. Hier bekommt das Opfer des Ehrenmordes, der für Schlagzeilen und eine heftige öffentliche Debatte über Integration, über Wertesysteme und Frauenrechte sorgte, wortwörtlich eine Stimme. Die tolle Hauptdarstellerin Almila Bagriacik kommentiert immer wieder das Geschehen, ihre schnodderig lakonische und lebensfrohe Art gibt der heftigen Geschichte Leichtigkeit und Lebendigkeit. Die ganze Abgründigkeit und Paradoxie von Ayruns Situation wird erschütternd nachvollziehbar, auch warum sie so lange zu ihrer Familie stand, was letztendlich ihr Verderben war. So ist „Nur eine Frau“ bei aller Dramatik und Schwere ein gewinnend lebensbejahender Film, emotional und voller Energie. Letztendlich bleibt nicht der geringste Zweifel am Irrsinn dieser absolutistischen patriarchalen Ideologie. Dazu bedarf es keiner aufputschenden Dramatisierung, es reicht das Ayrun nüchtern aus dem Off aufzählt, welche Kriterien das Bundeskriminalamt erarbeitet hat, die zum Tatbestand »Ehrenmord« führen können. So gilt es bereits als ehrverletzend, wenn eine Frau die Rolle des Mannes als Ernährer und Beschützer unterminiert, indem sie einen Beruf ergreift. Am Ende des bewegenden Films wird deutlich, dass es nicht nur um eine andere Kultur oder Religion geht, sondern um das elementare Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dass es Frauen nicht oder nur eingeschränkt gewährt wird, ist ein universelles Problem, auf diesem Auge sind Justiz und Gesellschaft auch in Deutschland gerne blind. So lässt der Film auch keinen Zweifel daran, dass die Brüder gemeinsam den Mordplan ausheckten, gedeckt vom Rest der Familie. Nur Nuri landete dafür ein paar Jahre im Gefängnis.

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