Little Joe - Glück ist ein Geschäft

Länge:
105 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
09.01.2020
Regie:
Jessica Hausner
Darsteller:
Emily Beecham (Alice Woodard), Kit Connor (Joe Woodard), Ben Wishaw (Chris), Kerry Fox (Bella), David Wilmot (Karl)
Genre:
Horror , Science-Fiction , Drama
Land:
Österreich, Deutschland, Großbritannien, 2019

Die Gentechnikerin Alice Woodard, die all ihre Kräfte in ihre Arbeit steckt, hat offenbar Bahnbrechendes vollbracht. Immerhin ist es ihr gelungen, eine Pflanze heranzuzüchten, deren Duft Glücksgefühle entfesseln soll. Wer die ideale Raumtemperatur beachtet und die purpurrote Schöpfung ausreichend umsorgt, darf auf größere Zufriedenheit hoffen. Obwohl die ungewöhnliche Blume vor ihrer Präsentation noch wichtige Tests durchlaufen muss, nimmt Alice verbotenerweise ein Exemplar mit nach Hause und schenkt es ihrem Sohn Joe, mit dem sie seit der Trennung von ihrem Ehemann alleine lebt. Die Warnungen ihrer aufgewühlten Laborkollegin Bella, die der Pflanze eine wesensverändernde Wirkung unterstellt, schlägt die ehrgeizige Wissenschaftlerin zunächst in den Wind. Mit der Zeit glaubt Alice aber einen merkwürdigen Sinneswandel bei Joe zu beobachten. Ist ihr Forschungsprodukt womöglich doch weniger harmlos als angenommen?

„Little Joe – Glück ist ein Geschäft“ greift zwar bekannte Motive des Horror- und Science-Fiction-Kinos auf und erinnert stellenweise an die Verfilmungen des Jack-Finney-Romans „Die Körperfresser kommen“. Wer mit dem Schaffen von Regisseurin und Koautorin Jessica Hausner („Amour fou“, „Lourdes“, „Hotel“) vertraut ist, wird allerdings erahnen können, dass auch ihre erste englischsprachige Arbeit Genrekonventionen und Sehgewohnheiten unterläuft. Freunde des lauten Geisterbahngrusels kommen hier gewiss nicht auf ihre Kosten. Ansprechen dürfte der langsam erzählte Film vielmehr all jene, die schleichendes Grauen bevorzugen und sich von einer sterilen, wenig emotionsgeladenen Inszenierung nicht abschrecken lassen. Jede Einstellung, jedes Requisit und die markant hervorstechende Farbgestaltung sind sorgsam durchdacht und kreieren einen surrealen, seltsam künstlich anmutenden Story-Kosmos. Obwohl manche Dialoge etwas dick auftragen, hält Hausner die Frage, was genau vor sich geht, gekonnt in der Schwebe. Ist die Blume, die in Anlehnung an Alices Sohn „Little Joe“ getauft wird, wirklich gefährlich? Oder gibt es für die vermeintlichen Veränderungen in ihrer Umgebung vielleicht ganz andere Erklärungen? Dass die bewusst geschürte Ungewissheit ein mulmiges Gefühl hervorruft, liegt nicht zuletzt an der hypnotischen Kameraführung und den experimentellen, schrägen Klängen, die aus der Feder des bereits verstorbenen japanischen Komponisten Teiji Ito stammen. Auch wenn Hausner in ihrem leisen Horrordrama nicht alle aufgeworfenen Gedanken zu Ende führen kann, regt die thematische Vielfalt des Films zu Diskussionen nach dem Kinobesuch an. In den Blick nimmt die Regisseurin nicht nur die notorische Glücksbesessenheit unserer heutigen Selbstoptimierungsgesellschaft und den Hang des Menschen, im Namen der Wissenschaft Grenzen zu überschreiten. Erzählt wird auch von der Entfremdung zwischen Alice und ihrem pubertären Sohn – und damit von der Schwierigkeit, berufliche Ambitionen und Mutterrolle zu vereinbaren.

Christopher Diekhaus

Anbieter