Köy

Länge:
90 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 12 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 0 Jahren
Kinostart:
21.04.2022
Regie:
Serpil Turhan
Darsteller:
/
Genre:
Dokumentation
Land:
Deutschland, 2021

Was dich in „Köy“ erwartet:


Ein kleines Dorf zwischen grünen Hügeln in Ostanatolien. Das gerahmte Bild eines solchen Dorfes an der Wand einer Wohnung. Ein realer Ort, die Vorstellung davon und die Erinnerung daran. Damit beginnt „Köy“. Köy bedeutet Dorf, ländlicher Ort. Und genau dieser ist biographischer Bezugpunkt und Sehnsuchtsort für zwei der drei Frauen, die die Filmemacherin Serpil Turhan in ihrem Dokumentarfilm porträtiert. Über drei Jahre hat sie intensive Gespräche mit ihnen geführt.

Da ist Nemo, die Großmutter der Filmemacherin, die als 13-jährige zwangsverheiratet wurde, elf Kinder bekam, aus ihren Dorf zunächst nach Istanbul ging und in den 70er-Jahren ihrem Mann nach Deutschland folgte. Eine selbstbewusste Frau, die klar und kritisch die politische Situation in der Türkei betrachtet und die immer wieder zurückkehrt nach Istanbul und in ihr Dorf, wo ihr inzwischen verstorbener Mann begraben liegt.
Saniye, Mitte 40, kam als einjähriges Kind mit ihren Eltern nach Berlin. Ihre Eltern leugneten ihre kurdische Identität, gaben sich als Türken aus. Erst als Jugendliche erfuhr Saniye, dass sie Kurdin ist. Sie betreibt ein Kiezcafé in Berlin, doch beschließt, es aufzugeben, um ihrer Sehnsucht, einem Leben in ihrem kurdischen Heimatdorf zu folgen.
Hêvîn, Mitte 20, wurde in Berlin geboren als Kind politisch aktiver Eltern, die ihr auch die kurdische Sprache beibrachten. Mit 17 begann Hêvîn selbst, sich politisch zu engagieren. In die Türkei kann sie nun nicht mehr einreisen, weil sie gefährdet ist, verhaftet zu werden. Hêvîn studiert Schauspiel und möchte ihren Aktivismus damit verbinden – als politische Künstlerin.


Was diesen Film sehenswert macht:


In ihrem schlicht gehaltenen Interviewfilm gelingt es Serpil Turhan auf vielschichtige Weise, uns die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Protagonistinnen nahezubringen. Die Suche nach emotionaler, wie physischer Zugehörigkeit verbindet Nemo, Saniye und Hêvîn, auch wenn sie sich untereinander nicht kennen und sich ihre Wege nicht kreuzen. Ohne Pathos und Sentimentalität wird sich dabei mit Themen der Herkunft und Heimat auseinandergesetzt. Die Filmemacherin selbst ist zwar nie zu sehen, aber ihre Fragen immer wieder zu hören. Sie hinterfragt Entscheidungen ihrer Gegenüber oder stellt sich kritisch der Romantisierung des heimatlichen Dorfs entgegen. So erzählt „Köy“ nicht nur von der Suche nach Spuren kurdischer Identität und den Erfahrungen von drei Menschen mit Migrationsgeschichte, sondern auch von der Diskriminierung von Frauen. Nemo wurde zwangsverheiratet. Saniye muss sich vor ihrer Familie für ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen. Für Hêvîn ist der Rassismus, der ihr im Schauspielstudium begegnet, das größere Problem. Ein Film, der zum Nachdenken anregt und das Spannungsfeld zwischen „Wo gehöre ich hin?“ und „Wo bin ich frei?“ auslotet, ohne einfache Antworten zu geben.

Kirsten Loose

Anbieter

FilmverleihSalzgeber