Je suis Karl

Länge:
126 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
keine Angabe
Kinostart:
16.09.2021
Regie:
Christian Schwochow
Darsteller:
Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel, Edin Hasanovic, Anna Fialová
Genre:
Drama , Politischer Film
Land:
Deutschland, Tschechische Republik , 2019

Stanley Kubrick rief in Großbritannien seinen Film „Clockwork Orange“ aus den Kinos zurück, als dieser drohte, zum Kultfilm für Hooligans zu werden. Dass sich „Je suis Karl“ zu einem Kultfilm für neurechte Gruppierungen entwickelt, gegen die der Film eigentlich kämpft, ist zumindest nicht ausgeschlossen. Ebenfalls nicht ausgeschlossen ist, dass diejenigen, die in den letzten Jahren mit vielen friedlichen Aktionen das öffentliche Auftreten und den Einfluss dieser Gruppen zurückgedrängt haben, etwa in der Universitätsstadt Halle a. d. Saale, „Je suis Karl“ geradezu als Schlag ins Gesicht empfinden.

Drehbuchautor Thomas Wendrich und Regisseur Christian Schwochow räumten ein, dass das Ansehen ihres Films schmerzlich ist, weil sie in der Fiktion eine politische Katastrophe, den Versuch einer erneuten rechtsradikalen „Machtergreifung“, durchspielen. Um diesen dramaturgischen Knalleffekt erzielen zu können, stellen sie in ihrem Film den Einfluss rechtsradikaler Gruppen in der Gesellschaft als deutlich größer dar als er derzeit tatsächlich ist. Die Kultgefahr haben Macher und Verleiher aber wohl auch gesehen – sie lassen die Kinotour von Gesprächen mit Rechtextremismusexpert*innen begleiten.


Worum es in Christian Schwochows Film „Je suis Karl“ geht:


Ein Bombenanschlag auf ein Mehrfamilienhaus erschüttert Berlin. Die öffentliche Meinung hat die Täter schnell ausgemacht: Islamisten. Der Bote, der die Bombe im Paket lieferte, sah „talibanesk“ aus. In Wirklichkeit, so erfährt es das Publikum nach ca. 30 Minuten, wurde der tödliche Anschlag von Karl, dem Anführer einer rechtsradikalen Gruppe, geplant und durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt der Filmhandlung hat sich Karl schon an Maxi herangemacht, die von Karls Tat nichts ahnt. Die junge Frau hat zusammen mit ihrem Vater Alex durch Zufall den Anschlag überlebt. Alex hat seine Frau und die beiden jüngeren Geschwister von Maxi durch den Anschlag des Rechtsterroristen verloren. Der Vater zieht sich in seiner grenzenlosen Trauer ganz in sich zurück und kann Maxi in dieser Situation kaum Halt und Orientierung geben. Beides findet sie bei dem smarten, charmanten und anfangs zurückhaltenden Karl. Er gibt sich mitfühlend, erzählt ihr von einem Kongress der aufstrebenden Jugendbewegung, der er angehört. Maxi reist nach Prag, um Karl beim Kongress wiederzusehen. Er stellt sich als ein Anführer der Bewegung heraus. Mit charismatischer Ausstrahlung hält er Reden über einen neuen politischen Aufbruch in Europa. Maxi verliebt sich in Karl, nimmt seine immer deutlich werdenden neurechten Sprüche kritiklos hin. Sie geht mit ihm nach Straßburg, wo sich Karls Bewegung mit Freunden aus der rechten Bewegung Frankreichs trifft. Als Alex hier auftaucht, nachdem er Maxis Verbleib recherchiert hat, laden Maxi und Karl ihn mit an den Tisch ein, an dem Karl mit seinen französischen Gesinnungsfreunden sitzt. Auch Alex hält sich gegenüber den nun deutlich rechten Sprüchen am Tisch zurück. Nur wenige Blicke verraten den Zusehenden Alex' Unbehagen – zumindest, wenn man die Mimik des Schauspielers Milan Peschel, der Alex verkörpert, in dieser Weise deuten will.


Worüber man sicherlich diskutieren kann ...


Wendrich/Schwochow möchten mit ihrem Film die Verführungsmechanismen der jungen rechtsradikalen Jugendbewegung vorführen. Um Karls smarte Polit-Verführung als geölte und glatte Propagandamaschinerie zeigen zu können, muss Maxi gegenüber Karls Parolen als ungebrochen empfänglich und naiv gezeigt werden. Motiviert durch die Trauer um ihre Familie wird ihr im Film die Fähigkeit zu einer rationalen Auseinandersetzung mit den politischen Thesen Karls weitgehend abgesprochen und sie wird als eine Figur puren Gefühls gezeigt, die wiederum erst durch einen weiteren Mann, durch das Auftauchen des Vaters in Straßburg, aus ihrer „Trance“ erweckt wird. Alex nimmt seine Tochter an die Hand und flieht zusammen mit ihr und einem Freund in den Untergrund, in die Kanalisationskanäle von Straßburg. Für die Dramaturgie eines Arthouse-Films im 21. Jahrhundert zeigt  „Je suis Karl“ also ein höchst verwunderliches und mittlerweile überholtes Frauenbild.

Alex, der die Mechanismen der Neuen Rechten durchschaut, hätte als Figur dem Film eine eindeutigere Richtung verleihen können. Einzig der zweifelsohne entscheidende Hinweis an die Zusehenden, dass Karl den Anschlag selbst zu verantworten hat, der Maxis Tragödie auslöst, schafft Distanz gegenüber der ansonsten als smart und clever gezeigten Figur des neurechten Politikers, dessen terroristisches Tun Maxi im Laufe der Handlung verborgen bleibt. „Wir als Zuschauer sind ja immer voraus“, erklärt Thomas Wendrich. „Wir möchten ihr mehr als einmal zurufen: Nein, Maxi, lass es sein!“. Kann man sich von der ungebrochenen Strahlkraft dieser als groß und einflussreich dargestellten Bewegung trotzdem angezogen fühlen? Und wie sieht es mit denjenigen aus, die schon eine rechte Gesinnung haben? Werden sie Maxis politische Verführung nicht als Sieg empfinden? Die Bewegung, der Karl angehört, ist fiktiv, zeigt aber deutliche Bezüge zu realen rechtsextremen Gruppierungen, etwa zur Identitären Bewegung. Der Traum all dieser Bewegungen ist die Realisation des sogenannten „Tag X“, des bewaffneten Aufstandes aller rechtsradikalen Bewegungen in Europa. Schwochow inszeniert diesen Wunschtraum der Neuen Rechten und zeigt bildgewaltig und bedrohlich am Ende seines Spielfilms den Beginn so eines europaweiten Aufstandes, der – so wird es in einer Nachrichtenmeldung auf der Tonebene gesagt – nun den Einsatz der NATO nach sich ziehen wird.

Werner Barg

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