Hard Paint

Länge:
117 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Kinostart:
15.11.2018
Regie:
Filipe Matzembacher, Marcio Reolon
Darsteller:
Shico Menegat (Pedro), Bruno Fernandes (Leo), Guega Peixoto (Luiza), Sandra Dani (Großmutter)
Genre:
Drama
Land:
Brasilien, 2018

Pedro schlittert durch die erste Existenzkrise seines jungen Lebens, aber vor der Webcam leuchtet er neonbunt, da ist er der Star seiner kleinen künstlichen Welt, der anonymen schwulen Fangemeinde im Netz. Er tunkt die Finger in Neonfarben und streicht sie sich zu Technomusik lasziv auf den dünnen Körper. NeonBoy ist sein Künstlername. Aber Pedro hat auch schon einiges hinter sich. Er lebt allein in einem heruntergekommenen Hochhausblock in Porto Alegre, der südlichsten Metropole Brasiliens, eine triste und schmucklose Hafenstadt. Seine Schwester Luiza bietet ihm den einzigen Fluchtpunkt vor der Außenwelt, seit er wegen einer brutalen Tätlichkeit exmatrikuliert und angeklagt wurde. Pedro wartet auf seine Gerichtsverhandlung. Aber Luiza zieht weg, nach Salvador, das in dem riesigen Land 14 Flugstunden entfernt ist. Bei der innigen Verabschiedung muss er der Schwester versprechen, mindestens fünf Minuten am Tag an die Luft zu gehen. Das tut er dann auch, während er auf den Countdown seines Handys starrt. Pedros einziger Lichtblick ist sein Dasein als NeonBoy. Aber dann taucht im Internet ein Imitator auf, ein ernst zu nehmender Konkurrent. Pedro trifft sich mit ihm, ein sympathischer junger Tänzer, und sie machen eine gemeinsame Web-Show. Eine zarte Freundschaft entwickelt sich, Affäre, Liebesgeschichte, aber immer schwingt Rivalität und Unausgesprochenes mit. Erst nach und nach wird deutlich, was Pedro in der Vergangenheit widerfahren ist. Denn es braucht nicht viel in der brasilianischen Gesellschaft, und Gewalt und Homophobie brechen an die Oberfläche.

In drei Kapiteln erzählt das Drama des Autoren- und Regieduos die schwule Coming-of-Age Geschichte. Bereits in ihrem Debüt „Seashore“ haben sie sich dieser Stadt und einem schwulen Thema angenommen. In „Hard Paint“ ist alles gezeichnet von einer starken Ambivalenz. Die Stadt wirkt seelenlos und kaputt, gleichzeitig ist sie auf der Tonspur immer präsent, sie ist das Außen und das Leben. Dieses Stilmittel durchzieht den gesamten Film, ob Verkehrslärm oder Vogelgezwitscher und Wind, immer ist das Außen auch ein Versprechen auf Ausbruch, so ärmlich es auch sein mag. Aber diese Realität ist dem Untergang geweiht, Porto Alegre droht unter dem Meeresspiegel zu versinken, heißt es an einer Stelle. Und im Innen droht die Isolation. Pedros kleines, lieblos eingerichtetes Apartment bietet kaum Schutz, aber wenn er sich in seinen ich-bezogenen Bewegungen vor der Kamera verliert, und die bunten Farben im Schwarzlicht leuchten, dann erobert er sich seinen Platz in der Welt, auch wenn es ein Trugschluss ist. Ebenso ist seine Beziehung zu Leo ambivalent. Auf Konkurrenz folgt Solidarität, Sex, vielleicht sogar Liebe, aber keine wirkliche Erlösung oder Erfüllung. Über allem liegt Abschied. Die Großmutter ist ebenso allein wie Pedro, und nur in kleinen Momenten gibt es echte Nähe. Auch andere Beziehungen funktionieren nicht. Auf anonymen Sex folgt schnell kriminelle Ausbeutung und harte Gewalt. Pedro, der so dünn, weich und schutzlos wirkt, ist imstande sich in Sekunden in einen gewalttätigen Verteidiger seines Lebens zu verwandeln. Und das muss er auch, denn der Film erzählt auch subtil vom Rechtsruck in der brasilianischen Gesellschaft, von der latent brodelnden Homophobie und Gewalttätigkeit. Erlösung gönnt das sensible Drama seinem Helden am Ende in einem ganz kleinen Akt der Selbsterfüllung. Tanz, Musik, Gemeinschaft, das ist vielleicht der einzige Triumph über Isolation und Vorurteile. Auf der diesjährigen Berlinale gab es dafür den Teddy Award als bester Spielfilm.

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