Electric Girl

Länge:
89 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 14 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 12 Jahren
Kinostart:
11.07.2019
Regie:
Ziska Riemann
Darsteller:
Victoria Schulz (Mia), Hans-Jochen Wagner (Kristof), Svenja Jung (Lizzy), Björn von der Wellen, Irene Kugler, Victor Hildebrand, Oona von Maydell u.a.
Genre:
Drama
Land:
Deutschland, Belgien, 2018

Bei der Probe für die Synchronisation eines Animefilms macht Mia (23) den Job gut und bekommt prompt einen Vertrag gleich für mehrere Staffeln. In der Serie geht es um die Bedrohung Japans durch böse Mächte, die mit elektromagnetischen Feldern ganze Städte lahmlegen können. Die junge Heldin Kimiko, die ebenfalls über besondere Energien und Kräfte verfügt, will das Land vor dem Untergang bewahren und nimmt den Kampf gegen die bösen Mächte auf. Mia ist fasziniert von der Heldin, der sie die deutsche Stimme gibt und identifiziert sich mehr und mehr mit der Manga-Figur mit den blauen Haaren und einem quietschgelben Mantel. Plötzlich verspürt auch Mia ungewöhnliche Energien bei sich, sie steht bildlich „unter Strom“. Immer mehr verschwimmen Film und Realität, Mia gibt sich auch äußerlich Kimiko ähnlich und kommt schließlich zu der Überzeugung, dass auch ihre Umwelt von bösen Mächten bedroht wird und es ihre Aufgabe ist, diese Welt zu retten. Als Unterstützer an ihrer Seite hat sie sich ihren älteren Nachbarn Kristof ausgeguckt, der bis dato im Film seine düstere Wohnung nicht verlassen hat und dessen phlegmatische Grundhaltung nun den Kontrast zu Mias atemlosen Aktivitäten bildet.

Regisseurin Ziska Riemann (Lollipop Monster) lässt ihre Zuschauer langsam in Mias Wahrnehmungswelt eintauchen. Sieht man anfangs noch die Animésequenzen mit der Heldin Kimiko, gibt es mit Mias innerer Getriebenheit und ihrer äußerlichen Anpassung keine animierten Bilder mehr, sondern ganz Mias eigener Wahrnehmung folgend, nur noch ihre Aktionen und Aktivitäten zur vermeintlichen Rettung der Welt. Ziska Riemann inszeniert hier das Bild einer Manikerin, die sich selbst als kraftvoll, genial, fast omnipotent erlebt. In poppig bunten Bildern, der fiebernden Atmosphäre nächtlicher Clubs und Kneipen entfaltet die Hauptfigur ihre Rastlosigkeit. Dass sie sich in Wahrheit von der Realität entfernt hat und hilfebedürftig ist, erkennt man nur aus der Distanz. Im Publikumsgespräch anlässlich der Hamburger Premiere des Films, empfahlen Regisseurin Riemann und ihre Hauptdarstellerin Victoria Schulz Interessierten den Dokumentarfilm „Die schönste Krankheit der Welt“, in dem Betroffene ihre Erfahrungen mit der bipolaren Störung schildern.

Wenn es zu Beginn so scheint, dass Mias Gabe, im Alltag immer die positiven Dinge zu sehen, eine charakterliche Qualität ist, so kippt die Wahrnehmung der Protagonistin spätestens dann, wenn Mia ihre Eltern besucht. Denn in ihrer Aufgekratztheit geht sie allen auf die Nerven. Dabei wären Feingefühl und emotionale Unterstützung dringend nötig, weil Mias Vater sterbenskrank ist. An dem manischen Verhalten der Protagonisten krankt leider die Dramaturgie des Films, denn gegen Ende verliert sich alle Sympathie zur Hauptfigur. Mias Überschwänglichkeit drängt sich zu sehr in den Vordergrund und je mehr sie in ihre Fantasiewelten abdriftet, desto mehr verliert der Zuschauer die Bindung zu dieser eigentlich schillernden Figur. Wenn man die Geschichte nicht als Versinnbildlichung eines psychischen Zustands sieht, dann bleibt als Eindruck nur die anstrengende Eskalation einer Nervensäge zurück. Das tut beim Zuschauen weh – nicht etwa, weil man als Zuschauer empathisch auf Mias getunnelte Wahrnehmung reagiert, sondern weil Mias Problematik überdeutlich zugespitzt wird. Vielleicht lernen wir dies daraus: Es ist ungewohnt, Filmfiguren aus einer gesunden Distanz zu betrachten und zu bewerten.

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