Die Wütenden - Les Misérables

Prädikat besonders wertvoll
Länge:
103 Minuten
Altersempfehlung:
Ab 16 Jahren
FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren
Kinostart:
23.01.2020
Regie:
Ladj Ly
Darsteller:
Damien Bonnard (Stéphane Ruiz), Alexis Manenti (Chris), Djibril Zonga (Gwada), Issa Perica (Issa), Steve Tientcheu (Le Maire)
Genre:
Drama , Thriller
Land:
Frankreich, 2019

Der vom Land kommende Polizist Stéphane staunt nicht schlecht, als er seinen Dienst in der Pariser Vorstadt Montfermeil antritt und gleich am ersten Tag mit den gewaltigen Spannungen zwischen Banden, Bewohnern und Ordnungshütern konfrontiert wird. Die Kollegen, der raubeinige Chris und sein etwas gemäßigterer Partner Gwada, werfen den Neuankömmling sofort ins kalte Wasser und rechtfertigen ihre rüden, die Grenzen der Legalität überschreitenden Methoden damit, dass auf den Straßen eigene Gesetze herrschten. Mittendrin in der explosiven Gemengelage befindet sich auch der junge Issa, der einen verhängnisvollen Streich begeht. Als er das Löwenbaby eines Clanchefs klaut, drohen die brodelnden Konflikte endgültig überzukochen. Beim Versuch, den Dieb zu verhaften, trifft ein Gummigeschoss der Polizisten den Teenager und fügt ihm schwere Verletzungen zu. Mit einer über den Dächern des Viertels kreisenden Drohne hat ein anderer Jugendlicher eben diese Vorgänge aufgezeichnet.

Massive Ausschreitungen rückten im Jahr 2005 die Pariser Banlieue ins öffentliche Interesse. Vor allem junge Menschen verliehen in den Vororten der französischen Hauptstadt ihrer Wut über soziale Ungerechtigkeit, staatliche Diskriminierung und Perspektivlosigkeit auf gewaltsame Weise Ausdruck. Filmemacher Ladj Ly wirft in seiner ersten abendfüllenden Regiearbeit „Die Wütenden – Les Misérables“, die auf einem eigenen Kurzfilm basiert, einen schonungslosen Blick auf die Situation in den Randbezirken. Auch wenn ganz am Anfang nach dem Sieg des Nationalteams bei der Fußballweltmeisterschaft Bilder des kultur- und klassenübergreifenden Jubels stehen, wird sehr schnell klar, dass das Gemeinschaftsgefühl kein Dauerzustand ist. Montfermeil gleicht einem Pulverfass und scheint vor allem den Jugendlichen wenige Chancen auf ein besseres Leben zu bieten. Gangs ringen hier pausenlos um die Vorherrschaft. Parallelgesellschaften haben sich herausgebildet. Und überall in der von vielen Migranten bewohnten Gemeinde sind Spuren der Armut und schlechter Integrationspolitik erkennbar. Ly, der selbst am Schauplatz seiner Handlung aufgewachsen ist und sich mit seinem Titel an Victor Hugos ebenfalls dort spielenden Roman „Die Elenden“ („Les Misérables“ im Original) anlehnt, schleudert den Zuschauer ohne große Erklärungen in das Minenfeld hinein. Schnelle Schnitte und unruhige Handkamerabilder verleihen dem Geschehen eine fast dokumentarische Note. Die meiste Zeit sind wir eng an die Protagonisten gefesselt, verfolgen ihren Alltag aus nächster Nähe. Nur ab und an hebt sich der Blick, um über das von tristen Sozialbauten geprägte Stadtpanorama zu gleiten. Dass der Regisseur weiß, wovon er erzählt, spürt man dem fiebrigen Thriller-Drama deutlich an. Die Milieubeschreibung wirkt authentisch, kommt ohne allzu plumpe Klischees aus und lebt nicht zuletzt vom Auftreten diverser Laiendarsteller. „Die Wütenden – Les Misérables“ legt den Finger in die Wunde, illustriert, dass sich für die Menschen in den Metropol-Randzonen seit 2005 nur wenig geändert hat und läuft unbeirrbar auf einen erschütternden Schlussakt hinaus. Ein Finale, das den Betrachter sicherlich nicht kalt lassen wird.


Christopher Diekhaus

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