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18.06.2017 - Tote Mädchen Lügen nicht – oder doch?

„Nimm dir was zu Knabbern und mach's dir gemütlich. Denn ich werde dir jetzt die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn du diese Kassette hörst, dann bist du einer der Gründe dafür!“

… lautet die Ansage der Protagonistin Hannah Baker. Die Frage nach den Gründen für ihren Selbstmord ist nicht nur das zentrale Handlungselement der erfolgreichen Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“, sondern darüber hinaus der Ausgangspunkt einer intensiven öffentlichen Debatte über das Tabuthema Suizid, die von der Serie angestoßen wurde. Auf Facebook, Twitter und Snapchat, in Blogs, Foren und Zeitungsartikeln ist die Serie und damit verbunden die Frage nach dem korrekten Umgang mit dem Thema Suizid Gegenstand kontroverser Auseinandersetzungen. Vielmehr als ihre phänomenalen Zuschauerzahlen, ist dies der eigentliche Erfolg der Netflix-Serie.

Wer trägt welche Schuld am Tod Hannah Bakers? Was hätte jeder Einzelne tun können, um ihren Selbstmord zu verhindern? Hätte eine Geste gereicht? Ein Gesprächsangebot? Eine Handlung? Besseres Zuhören? Genaueres Hinsehen? Mehr Hilfsangebote? Oder der Mut über die eigenen Gefühle und Erlebnisse zu sprechen? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Charaktere, sondern auch die Zuschauer der Serie. Und es sind Fragen, die sich in dieser oder ähnlicher Form nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland viel zu oft gestellt werden müssen. Denn Verzweiflung, Liebeskummer, systematisches Mobbing, Depressionen oder Missbrauch – um nur einige Gründe zu nennen – veranlassen jedes Jahr in Deutschland mehr als 600 junge Menschen dazu, sich das Leben zu nehmen. Damit ist Selbsttötung in Deutschland nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache von Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Die Zahl der Suizidversuche ist sogar noch um zehn- bis zwanzigmal höher als die tatsächlichen Todesfälle. Unfassbare Zahlen und dramatische Schicksale, die in der Öffentlichkeit wegen eines befürchteten Nachahmereffekts gezielt verschwiegen werden. Polizei, Verkehrsbetriebe und Medien machen Selbsttötungen in der Regel nicht öffentlich. Die Gründe hierfür sind nachvollziehbar. Immer wenn ein aufsehenerregender Selbstmord Schlagzeilen macht, schnellen die Suizidzahlen in die Höhe.

Und so dauerte es auch nicht lange, bis die filmische Bearbeitung des Suizidthemas in „Tote Mädchen lügen nicht“ heftige Gegenreaktionen hervorrief. Ärzte, Psychologen, Pädagogen und Gesundheitsorganisationen in aller Welt äußerten große Befürchtungen, dass sich gerade labile Zuschauer Hannahs Entscheidung zum Vorbild nehmen könnten. Sie sehen insbesondere in der dramatisierenden Erzählung und der Darstellung der Selbsttötung das größte Gefahrenpotenzial. Ebenso schwierig sei es, dass Hannahs Entscheidung zum Selbstmord als Ergebnis eines mit klarem Kopf gefällten Entschlusses auf Grundlage von 13 Gründen dargestellt wird. Suizid könnte als Möglichkeit wahrgenommen werden, sich Gehör zu verschaffen oder gar Gerechtigkeit zu erlangen. Schulbezirke nahmen die literarische Vorlage des amerikanischen Autors Jay Asher nach Erscheinen der Serie aus dem Verleih ihrer Bibliotheken, und das obwohl es zuvor über viele Wochen in den Bestseller-Listen vieler Länder stand und mit mehreren renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Amerikanische Schulpsychologen-Verbände entwickelten Handlungsleitfäden für den Umgang mit der Serie, Gesundheitsverbände und christliche Verbände sprachen Warnungen vor der Serie aus. In Neuseeland, dem Land mit der weltweit höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen, dürfen unter 18-Jährige die Serie nur noch im Beisein ihrer Eltern oder anderer Erwachsener anschauen.

In Deutschland gibt es zur ersten Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“ keine Altersbeschränkung. Es gibt offenbar noch keinen passenden Modus für Altersfreigaben von Online-Serien wie dieser. Im Grunde müsste über eine Altersbeschränkung aber auch gar nicht groß diskutiert werden – wäre da nicht der befürchtete Nachahmereffekt. Die Serie verherrlicht weder Gewalt noch Drogenmissbrauch. Sie banalisiert weder (Cyber-)Mobbing noch verklärt sie Suizid als romantischen Ausweg aus einem tristen Leben. Im Gegenteil: Die traumatischen Konsequenzen für Betroffene, Freunde und Verwandte werden deutlich gezeichnet und auch die Szene der Selbsttötung wird alles andere als heroisch oder romantisch inszeniert. Die „Wahrheit“ in Hannah Bakers Bekenntnissen wird öfter hinterfragt und ihre Version des Erzählten stellenweise als manipulativ und nicht ganz wahrheitsgetreu hinterfragt.

Netflix hat auf die Warnungen der Experten und die öffentliche Diskussion reagiert und die Suizidszene zensiert. Zudem wird nun vor der ersten Folge und einigen weiteren besonders drastischen Episoden auf den expliziten Inhalt sowie auf eine Hilfswebseite für Menschen mit suizidalen Gedanken verwiesen – was auch wir am Ende dieses Textes tun. Ob aber eine Altersbeschränkung oder solche Einblendungen jemanden davon abhalten würden, sich die Serie anzuschauen? Fakt ist, die Serie ist da draußen – sie wird millionenfach geguckt und noch häufiger diskutiert. Davon zeugen zahllose Posts und Kommentare in den sozialen Netzwerken und über 11 Millionen Tweets, die „Tote Mädchen lügen nicht“ zur meistdiskutierten Serie bei Twitter machen. Das Fernhalten scheint angesichts dieser Zahlen aussichtslos.

Vielerorts wird zudem unterschlagen, dass in „Tote Mächen lügen nicht“ auch noch andere Themen verhandelt werden. So erzählt die Serie mitunter von Freundschaft, von Liebe und Eifersucht ebenso wie von der Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit. Keine Sorge: „Tote Mädchen lügen nicht“ tendiert mehr zum Thriller als zum Sozialdrama, aber eines muss man der Serie lassen: Es gelingt ihr, viele große Themen vieler „Coming-of-age“-Geschichten zu umreißen und dabei immer zu fesseln, von der ersten bis zur letzten Minute. Die Serie kann also gut als Ausgangspunkt genommen werden, um schwere Themen, die in ihr angesprochen werden – nicht nur das Thema Suizid – zu diskutieren. Auf diese Weise kann sie ein Bewusstsein für eine leider weit verbreitete düstere Realität erzeugen und dabei die Wahrnehmung für potentiell gefährdete Personen schärfen. Das wäre womöglich ganz im Sinne des renommierten, mittlerweile verstorbenen Suizidologen Edwin Shneidman, der gesagt hat: „Wenn man der Öffentlichkeit kommuniziert, dass Suizid jeden betreffen kann, dass es Hinweise in Äußerungen und Verhalten von Menschen gibt, auf die man achten kann, und das Hilfe verfügbar ist, ist das ein Weg um Suizid zu verhindern“.

Wenn du unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen: Telefonisch erreichst du sie unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Anrufen kannst du auch bei „der Nummer gegen Kummer“ (11 6 111). Die Beratung ist anonym und kostenfrei.