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17.10.2017 - Schöne neue Welt? Die Serie „Black Mirror“ zeigt menschlich-mediale Abgründe

Nach der Meinung der Experten ist das Video echt: die Prinzessin von Wales ist entführt worden und sitzt gefesselt und verängstigt auf einem Stuhl in einem Bekennervideo, das dem Premierminister von Großbritannien vorgeführt wird. Eine grauenerregende Situation für alle Beteiligten. Dann stellt der Premier die Frage nach den Forderungen der Entführer. Geld? Die Freilassung von möglichen Gesinnungsgenossen aus den Gefängnissen? Schuldenerlass für die sogenannte „Dritte Welt“? Doch diese Dinge wären geradezu profan im Vergleich zu der nach den Aggressoren einzigen Möglichkeit, die Prinzessin frei zu bekommen: in wenigen Stunden soll der Premierminister live im britischen Fernsehen Geschlechtsverkehr mit einem Schwein haben.
Zu behaupten, diese Prämisse verstoße gegen den guten Geschmack wäre eine hochgradige Untertreibung. Doch aus dem, was sich als kruder, amoralischer Aufhänger für eine Serie liest, die womöglich nur darauf aus ist, Tabus um des Tabubruchs willen zu vaporisieren, macht die Anthologieserie Black Mirror eine gleichsam bösartige wie treffende Mediensatire, die aufzeigt, wie sehr sich die Menschen mitunter von dem stetigen Fluss an Informationen und Überspitzungen mitreißen lassen, ohne im Vorfeld auch nur einen Gedanken an die Menschen aus Fleisch und Blut zu verschwenden, die von den Auswirkungen des Medienspektakels betroffen sind.

Denn natürlich wandelt sich die öffentliche Wahrnehmung, visualisiert durch verschiedenste Ortschaften, an denen Menschen den Skandal auf den Bildschirmen verfolgen, im Laufe der ersten Episode dahingehend, dass der Premier sich den Forderungen beugen soll. Schließlich steht womöglich das Leben der beliebten Prinzessin auf dem Spiel. Am Ende bleibt nur Leere, Ekel, seelische Zerstörung. Man soll bekanntlich vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht, denn es könnte wahr werden. Hier werden die Menschen direkt mit dem konfrontiert, was die Medien ihnen suggerieren sehen zu wollen. Die Augen von Zuschauern, denen langsam bewusst wird, dass es keine hedonistische Befriedigung am Beiwohnen der Ausübung der perversen Szenerie mit sich bringt, gehören dann auch folgerichtig zum subtilen Highlight des Serienstarts.

Was ist eine Anthologieserie? Dies bedeutet, dass man den Premier aus der ersten Folge nie wieder sehen wird, denn in jeder Episode treten neue Schauspieler in anderen Rollen auf, jede Geschichte spielt in einem anderen Universum, losgelöst von dem vorherigen, jede Folge erzählt eine ganz eigene Geschichte. Die verbindende Klammer ist die Auseinandersetzung mit der Medienwelt von heute, oft weitergedacht in leicht futuristischen Kontexten.
So leben in der zweiten Episode Menschen in einer Gesellschaft, in der sie ihre Wirtschaftsleistung durch den Konsum von stumpfen Reality-TV-Formaten oder Pornographie erwirtschaften, während sie zur Stromerzeugung für die freieren „Eliten“ den ganzen Tag auf Trainingsfahrrädern in die Pedalen treten. Dabei geht es nicht darum, warum, wann und wie es zu dieser Konstellation gekommen ist, sondern nur um die Auswirkungen auf den Geist und das Fühlen der Menschen. Und auch wenn sich die Prämisse der zweiten Episode leicht plakativ liest, findet Black Mirror auch hier zu durchaus pointierten Aussagen zur kalten Logik der unendlichen Verwertbarkeit von Personen und Ideen. Fast unnötig zu sagen, dass sie dabei auch die Erwartungshaltung des Zuschauers untergräbt.

Black Mirror ist gut darin, den Zuschauer aus seiner „comfort zone“ zu holen, ihn also mit Dingen zu konfrontieren, die man wahrscheinlich nicht erwartet hätte, und ggf. einlullenden dramaturgischen Einheitsbrei zu sprengen. Wer würde beispielsweise mit einer Hinterfragung von unmenschlichen Strafsystemen rechnen, die in ihrer Ambivalenz selbstredend der vereinfachenden medialen Einbindung konträr läuft? Oder ob es sinnvoll ist, den Trauerprozess, der nach dem Tod eines geliebten Menschen unendlich schmerzvoll aber nötig ist, künstlich zu unterbrechen?
Nach zwei Staffeln mit je drei Episoden und einem Weihnachtsspecial im britischen Fernsehen sah es lange nicht gut aus für die aufwendig produzierte Serie, die aufgrund ihres Charakters nicht auf eine an Schauplätze und Figuren gebundene Fangemeinde setzen konnte. In Deutschland wurden die Folgen nur auf dem Pay-TV-Sender RTL Crime gezeigt. Inzwischen hat sich der Streaminganbieter Netflix der Serie angenommen und dank seiner Marktmacht nicht nur die bisher abgedrehten Geschichten einem breiten Publikum verfügbar gemacht, sondern auch eine dritte Staffel mit doppelt so vielen Episoden produziert. Eine vierte Staffel soll noch 2017 folgen.
Auch in den neuen Folgen werden die Medien auf mal satirische, mal alptraumhafte, mal melancholische Spitzen getrieben. So stellt die jüngst mit dem US-amerikanischen Fernsehpreis Emmy ausgezeichnete Folge San Junipero die Frage, ob der Tod – zumindest auf einer kognitiven Ebene – mithilfe von Technik besiegt werden könnte. Der 1980er-Hit Heaven is a Place on Earth von Belinda Carlisle erhält so eine ganz neue Bedeutung. Doch wehe, wenn der Strom ausfällt.

Auch wenn die Netflix-Episoden mit dem fast schon üblichen Problem des Anbieters zu kämpfen haben, etwas zu lang zu sein (die Ökonomie des Schnitts und damit eine mitunter benötigte straffere Inszenierung scheint mit dem Format des Streams, der nicht an die Vorgaben der Fernsehsender gebunden ist, wegzufallen), laden sie dennoch dazu ein, die gezeigten Welten weiterzuspinnen, beziehungsweise Fragen für sich persönlich zu klären, die sich schon rein aus der Logistik ergeben.
Dabei geht es bei allen düsteren Visionen der Serie nicht darum, eine generell technikfeindliche Haltung einzunehmen. Auch wenn man Black Mirror wahrscheinlich schnell den Vorwurf des Zukunftspessimismus machen könnte und auch wenn die Serie weit von technikfreundlichen Utopien wie etwa dem Star Trek-Universum entfernt ist, verbietet sich die Serie eine allzu vereinfachende, allzu plakativ-schwarzmalerischere Haltung. So zeigt sich in der dritten Folge der ersten Staffel Mein transparentes Ich deutlich, dass es immer auch in der Verantwortung des Einzelnen liegt, wie vorhandene Technik und ihre Möglichkeiten eingesetzt werden. In dieser Welt können sich Menschen Implantate einsetzen, mit denen sie alles, was sie sehen und hören aufzeichnen können. Bei Bedarf lassen sich die Aufnahmen dann vor dem „geistigen“ Auge abspielen oder auch wie dereinst Super-8-Heimfilme für die Allgemeinheit auf Fernsehschirmen wiedergeben. Ein Trend, dem viele Menschen in der portraitierten westlichen Gesellschaft folgen.

Die Probleme, die die Figuren dann auf der zwischenmenschlichen Ebene haben, hätten sich auch ohne Implantate irgendwann manifestiert. Die Gadgets erleichtern nur die Klarstellung, die Konfrontation. Die restlichen gezeigten Menschen scheinen keine gravierenden Probleme mit dem Einsatz des Implantats zu haben bzw. werden als Personen gezeigt, die die Technik annehmen, aber nicht bis zum Exzess nutzen – und sie schon gar nicht als Waffe gegen Andere einsetzen. Black Mirror geht es darum, ein Nachdenken darüber zu evozieren, ob alles, was machbar ist, auch zwingend notwendig sein muss. In einer Welt, in der die Technik sich scheinbar schneller entwickelt als die Moral und die Empfindungen der Nutzer sicherlich kein abwegiger oder übermäßig frontalpädagogischer Gedanke.
Besonders süffisant wird die Reihe immer, wenn sie auch die politische Ebene mitdenkt. Neben dem Serienauftakt sticht Die Waldo-Kandidatur heraus, in der ein animierter, unflätiger Bär, der als Teilsegment einer Late-Night-Show Politiker und andere Prominente mit unverschämten Kommentaren aus der Reserve zu locken versucht, zu einer eigenen politischen Kraft wird. Bär Waldo und sein Schöpfer haben inhaltlich aber nicht viel zu sagen. Wie in der TV-Show regieren auch auf der politischen Bühne die infantile Lust an der Beleidigung und der unkonstruktive Krawall. Medial mit einem Hype begleitet, der jeden echten Diskurs verhindert und Komplexität auf leicht goutierbare Häppchen ohne Tiefe reduziert, erstickt Waldo echtes, progressives politisches Engagement im Keim. Gerade durch diese Episode zeigt sich einerseits, wie sehr die Welten von Black Mirror bereits ein Stück weit Realität geworden sind, andererseits wie stark die Reihe werden kann, wenn sie eben jene Realität überspitzt und Wirkmechanismen offenlegt, die dem Ganzen auch eine gewisse Zeitlosigkeit verleihen. Die Technik der Darstellung wird irgendwann sicherlich veraltet wirken, die inhaltliche Ebene aber könnte weitaus länger Bestand haben – ähnlich wie bei manchen Spielfilmen, die auch viele Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch ein Durchsetzungsvermögen besitzen, dass mitunter nur erstaunen kann.

So bietet Black Mirror eine bunte Mischung für jeden Geschmack an. Manche Folgen sind eher Kammerspiele, andere arbeiten mit Action. Manche sind eindeutiger, andere subtiler. Manche boxen das Publikum in den Magen, wieder andere rühren es zu Tränen. Es ist der Reiz des Unbekannten, die Experimentierfreudigkeit, die selbst die schwächeren Episoden zu unterhaltsamen Angelegenheiten macht. Wenn die jeweilig gezeigte Welt dann nach dem Ende der Folge erlischt und man sein Bild in dem schwarzen Spiegel vor sich erblickt (sei es nun Fernsehschirm, Laptop oder Smartphone), dann hat die Serie im besten Fall einen Denkprozess initiiert, der womöglich zu einer Neubewertung in der Kontextualisierung von Medien führt. Man kann Black Mirror auch „nur“ als spannende Unterhaltung konsumieren, aber es ist ihr Vermögen darüber hinaus zu wachsen, das die Serie so besonders macht.

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren

Jan Noyer, September 2017