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26.02.2020 - Neue Serie: „I Am Not Okay With This“

Superkräfte und die Turbulenzen der Pubertät scheinen es Netflix angetan zu haben. Nur wenige Wochen nach der Veröffentlichung der skandinavischen Mystery-Produktion „Ragnarök“ schickt der Streaming-Dienst eine ähnlich gelagerte Serie ins Rennen um die Gunst des Publikums. „I Am Not Okay With This“ basiert auf der Graphic Novel des US-amerikanischen Comicbuchautors Charles Forsman und handelt von der 17-jährigen Sydney, die den Selbstmord ihres Vaters zu verkraften hat und auf einmal erkennt, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlen ungewöhnliche Dinge vollbringen kann.

Gefangen in einer Kleinstadt in Pennsylvania und genervt von ihrer überforderten, ständig Aufträge erteilenden Mutter Maggie, trägt die Jugendliche ihre schlechte Laune offen vor sich her. Schon ihre über den Bildern liegenden Kommentare, die die Handlung einläuten, unterstreichen Sydneys unangepasste Art. In der Schule ist sie nicht darauf aus, anderen zu gefallen. Vielmehr nimmt sie die Rolle der Außenseiterin ohne Wimpernzucken an. Das Einzige, was ihr wirklich etwas bedeutet, ist ihre Freundschaft zu ihrer Klassenkameradin Dina, in die sie insgeheim verknallt ist. Als sich ihre engste Vertraute ausgerechnet mit Obermacker Brad einlässt, fällt es Sydney schwer, die Zähne zusammenzubeißen. Dass der Nachbarsjunge Stanley genau jetzt ihre Nähe sucht, macht die Situation nicht gerade einfacher.

Erzählte „Ragnarök“ vor dem Hintergrund eines archaischen Kampfes von den Umwälzungen im Teenageralter und dem Herantasten an übernatürliche Fähigkeiten, vollzieht sich eben dies in „I Am Not Okay With This“ auf einer eher schwarzhumorigen Ebene. Ständig bewertet Sydney ihre Erlebnisse, ihr eigenes Verhalten und das Auftreten anderer Menschen in einem sarkastischen Tonfall, der allerdings nicht verbergen kann, dass sie sehr wohl verletzlich ist. Der unerklärliche Tod ihres Vaters, über den zu Hause fast nie ein Wort verloren wird, setzt ihr spürbar zu. Das Aufkeimen der telekinetischen Kräfte sorgt für handfeste Verunsicherung. Und auch ihr sexuelles Erwachen führt zu emotionalem Durcheinander.

Obwohl der Raum für die Charakterzeichnung in den knackig-kurzen Episoden (die Laufzeit schwankt zwischen 19 und 28 Minuten) manchmal etwas knapp bemessen ist, fühlt sich die Serie nicht plump oder klischeehaft an. Zu verdanken ist dies vor allem Hauptdarstellerin Sophia Lillis, die nach ihren Auftritten in der zweiteiligen Stephen-King-Verfilmung „Es“ einmal mehr unglaubliche Präsenz und einnehmendes Charisma beweist. Besonders schön sind die Passagen, in denen sie mit Wyatt Oleff (ebenfalls in „Es“ zu sehen) die spannende Außenseiterbeziehung von Sydney und Stanley erforscht.

Gerade weil Lillis so überzeugend aufspielt, hätten die Macher in manchen Augenblicken die kommentierenden Einwürfe der Protagonistin drosseln können. Der Retro-Charme, der immer wieder – besonders in Stanleys Begeisterung für alte Gegenstände – hervortritt, erinnert an die Achtziger-Jahre-Hommage „Stranger Things“. Das gleich zu Beginn angedeutete destruktive Potenzial von Sydneys ungewöhnlicher Gabe lässt an den auch für die Leinwand adaptierten Stephen-King-Roman „Carrie“ denken. Und zweifelsohne bedienen sich die Serienschöpfer einiger typischer Elemente aus dem Coming-of-Age-Erzählbaukasten. Dass „I Am Not Okay With This“ viele unterschiedliche Einflüsse und Zitate vereint, stört allerdings nur wenig. Einerseits, weil die Standardversatzstücke mitunter auf amüsante Weise abgewandelt werden. Andererseits, weil sich mehr als einmal ganz unerwartet berührende zwischenmenschliche Momente auftun.

Regisseur: Jonathan Entwistle

Darsteller: Sophia Lillis (Sydney), Wyatt Oleff (Stanley), Sofia Bryant (Dina), Kathleen Rose Perkins (Maggie), Aidan Wojtak-Hissong (Liam), Richard Ellis (Brad) u. a.

USA 2020, 7 Folgen
Netflix-Veröffentlichung: 26.02.2020

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren