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25.06.2018 - Rückkehr in eine unsensible Welt – Die zweite Staffel von „Tote Mädchen lügen nicht“

Nichts wird auserzählt, alles muss im „besten“ Fall endlos weiterlaufen, solange der Erfolg dem Produkt recht gibt. Und da die Produzenten und Vermarkter Erfolg oft einfach mit Einspielergebnissen und Abrufzahlen gleichsetzen, wird, so scheint es, mitunter weniger auf die dramaturgische Notwendigkeit – oder Sinnhaftigkeit – geschaut.

Die inzwischen verfügbare zweite Staffel der vieldiskutierten und im Sinne der Produzenten immens erfolgreichen Netflix-Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ ist hierbei ein besonders delikater Fall. Wurde bereits der ersten Staffel vorgeworfen, sie würde das Thema Suizid letztlich zu unsensibel handhaben, wirft man nun jeglichen pseudo-pädagogischen Ansatz, den man verfolgt haben mag, aus dem Fenster. Was hier aufgetischt wird, ist noch mehr High School-Thriller als Teil Eins und am Ende des Tages geht es der Serie vor allem um eine effektheischende Inszenierung, die sich von Cliffhanger zu Cliffhanger bewegt. Das ist für sich genommen mitunter durchaus spannend zu verfolgen, aber die Hinweise am Ende jeder Episode, bei persönlichen Problemen doch bitte Hilfe aufzusuchen, wirken wie ein halbherziges Feigenblatt. Dem Gesetz der Serie zeigt, dass man sich bereits am Anfang wohl darüber Gedanken hätte machen sollen, ob eine Miniserie mit definiertem Ende hier nicht die sinnigere Darreichungsform gewesen wäre. (Natürlich hat die dritte Staffel bereits grünes Licht bekommen.)

Die routinierte Regie und die auf immer neue Enthüllungen ausgelegten Drehbücher treiben die Folgen voran, die, wie schon in Staffel Eins, oft etwas zu lang sind (es gilt im übertragenen Sinne weiterhin Alex‘ Ausruf an Clay aus der ersten Season, warum er denn die Kassetten nicht schneller hören würde). Manche Figuren bekommen mehr Profil (beispielsweise Zach), andere verabschieden sich fast komplett aus der Handlung (Courtney), andere treten auf der Stelle (Clay bleibt ein Monolith). Hannah tritt als Geist auf und es wird sich bemüht, den subjektiven Standpunkt ihrer Kassetten durch weiterführende Informationen aus den Memoiren anderer Figuren auszubuchstabieren. Dies führt dann zu so unglücklichen Auswüchsen wie die Info, dass Hannah einst Teil einer ihrerseits mobbenden Mädchengruppe war, die Serie diese Seite seiner Protagonistin aber nicht zeigt, obwohl man sonst gern vieles ausschweifend mit Rückblenden „belegt“. Als wolle man das Bild, das ihre Freunde von der Liberty High von ihr zeichnen, nicht zerstören. Damit nimmt sich die Serie aber auch die Möglichkeit, gerade Hannah neue Dimensionen hinzuzufügen. So bleibt sie weiterhin das „hübsche, tote Mädchen“ ohne wirkliche Ecken und Kanten.

Überhaupt ist Hannahs Selbstmord, um den es ursprünglich einmal ging, kaum noch ein Thema im eigentlichen Sinne sondern hauptsächlich Stichwortgeber. Dass es der Serie um die Pein der Hinterbliebenen geht, ist löblich, konterkariert aber wieder einmal durch die Thriller’eske Inszenierung das Sujet. Die Serie nimmt sich erstaunlich wenig Zeit für Trauer und Schmerz, meistens sind auch diese Emotionen Anlass zu einer möglichst effektvollen Darbietung oder für einen „Oh mein Gott“-Moment. „Tote Mädchen lügen nicht“ bleibt trotz seiner Thematik auf seltsame Art flach. Dies ist besonders ärgerlich, da sich die Serie so offensichtlich an Jugendliche wendet, die Probleme von belasteten Individuen aber nur als dramaturgisches Mittel ansieht. Die Unsicherheit dieses Lebensabschnitts, die „teen angst“, wird zwar gut wiedergegeben, aber die Serie lässt den Zuschauer damit auch allein bzw. bietet nur Lösungen im Sinne des Thrillers respektive der Serie an. Sprich: natürlich ist alles aufregend und natürlich möchte am Ende jemand Amok laufen.

Ob man nun den „Werther-Effekt“ fürchten muss oder ob die Realität dann doch komplexer ist als das „Wenn-Dann“-Reizreaktionsschemata der Serie, sei mal dahingestellt. Auch einer spannenden Serie die eigene Spannung vorzuwerfen wäre normalerweise hinfällig, aber „Tote Mädchen lügen nicht“ gibt beständig vor, mehr sein zu wollen als gut konsumierbare Unterhaltung. Vielleicht wirken deshalb auch einzelne Dialoge, in denen es tatsächlich einmal um Probleme geht, wie Fremdkörper, als würden reelle Missstände von außen den Aufbau stören, müssten aber vertraglich abgearbeitet werden. Zurechtrücken des exklusiv männlichen Blicks auf Probleme, das Anprangern des Flächenbrandes, der sich „sexuelle Übergriffe“ schimpft, die Dekonstruktion von Geschlecherklischees (die dann mitunter mit anderen Klischees gekontert werden) – wann immer die Serie aus dem Thriller-Genre ausbricht, wirkt das Ganze hölzern und auf unangenehme Art didaktisch.

Suizid ist kein Ausweg aus Problemen. Er beendet ein Leben und lässt unzählige andere zerstört zurück, mehr nicht. In „Tote Mädchen lügen nicht“ wirkt es aber immer wieder so, dass Hannahs Selbstmord eine Notwendigkeit war, durch die andere Schandtaten aufgedeckt werden konnten. Hannah musste sterben, ebenso wie sie vergewaltigt werden musste, um einen besonders drastischen Effekt zur Hand zu haben. Subtilität ist ebenso wenig eine Stärke der Serie wie es Konzentration ist. Die Nebengeschichten weiten sich aus und einmal mehr tritt die holperige Suizid-Prävention in den Hintergrund, bis es eigentlich egal zu sein scheint. Schließlich wird Antagonist Bryce am Ende durch den nächsten „Schurken“ ersetzt und Hannahs Platz kann der labile Tyler einnehmen.

Die an wirklichen Highlights arme zweite Staffel (die besten Momente sind dann auch noch humoristische Ausflüge wie das Gespräch zwischen Jessica und ihrem Vater oder die wohl eine Art Mini-Katharsis darstellende Massenprügelei) ist natürlich kompetent gemacht, wenn auch gestalterisch nicht so sauber wie Staffel eins mit ihren verschiedenen Farbschemata. Die Schauspieler sind engagiert und – einmal mehr – als Unterhaltung funktioniert das Ganze ziemlich passabel, dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack. Hilfe in irgendeiner Form sollte niemand von „Tote Mädchen lügen nicht“ erwarten und die im Endeffekt recht unsensible Handhabung seiner eigentlich fragilen Prämisse macht die Serie auf eine schlagende Art und Weise unangenehm. Einzelne Elemente verfehlen ihr Ziel nicht (der Musik-Trigger im Finale ist besonders effektiv), aber im Kontext ist „Tote Mädchen lügen nicht“ auch im zweiten Jahr eine Serie, die sich weniger Gedanken macht, als es gut für sie ist. Ob es gerade das ist, was Debatten anregen soll oder kann, darf dezent bezweifelt werden.

Jan Noyer, Juni 2018