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20.04.2018 - „Leerer Blick zurück“ – Über den aktuellen medialen Retro-Hype

Wenn der Comedian Mario Barth ganze Stadien mit seinen Fans füllt, dann kann er sich im nachfolgenden Programm fast schon zwangsläufig nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner stützen. Es sollen ja alle was davon haben. Doch wie spricht man Tausende von „allen“ an? Richtig, durch das Abfeuern von Stereotypen, vermeintlichen Wahrheiten, bei denen das Publikum in den samtenen Kokon der Gewissheit gemantelt wird: „Ja, genau so ist es.“ Da ist es egal, ob die Klischees, die in diesem Fall auf müde Pointen zu den immer gleichen unterstellten charakterlichen Geschlechtsunterschieden hinauslaufen, einer größeren, differenzierten Analyse standhalten. Es zählt die gefühlte Wahrheit.

Es ist nicht die Aufgabe von Unterhaltung, analytische Tiefe zu bieten, wenn der Gag sitzt, mag nun mancher einwerfen. Dabei wird verkannt, dass durch beständige Reproduktion einer Vorstellung eben jene Stereotype, die eben noch als Aufhänger für einen launigen Spruch hergehalten haben, zementiert werden. Ohne das Weiter-, das Tieferdenken wird aus dem Klischee ein Fakt. Ähnlich verhält es sich mit dem gerade grassierenden medialen Retro-Hype, der ein besonderes Faible für die 1980er Jahre entwickelt hat: es wird eher eine gefühlte Vergangenheit portraitiert und es genügen Stichworte. Oder man nutzt die Erzeugnisse anderer Dekaden als Blaupause für Produkte mit einer Mentalität des 21. Jahrhunderts, nur um zu demonstrieren, dass man den Ursprungsgedanken womöglich nicht ganz verstanden hat.

Dass populäre Medien turnusmäßig in ihre eigene Vergangenheit blicken, ist weder neu noch eine besonders bahnbrechende Erkenntnis. Auch Kreative sind nicht davor gefeit, mit fortschreitendem Alter in die eigene Geschichte zu blicken und diese wie auch immer zu ver- und bearbeiten. Nostalgie ist ja per se nichts verwerfliches, sondern etwas zutiefst menschliches. Was nun aber auffällt, ist weniger der idealisierte Blick nach hinten (die Angst vor dem Krieg der Supermächte, die auch in den 1980ern noch präsent war, wird beispielsweise ebenso ausgeklammert wie konservative politische Umtriebe, wie etwa unter US-Präsident Reagan), sondern die Oberflächlichkeit und der anteilige Zynismus, der die Neuauflagen durchweht. Der Blick zurück geschieht mit den desillusionierten Augen der Neuzeit.

Ein paar Beispiele: die größtenteils am Computer generierte Neuauflage von „Das Dschungelbuch“ von Jon Favreau bezieht sich dezidiert auf den farbenfrohen, irrelevanten Disney-Zeichentrickfilm von 1967 (ja, kein Produkt der 80er, aber Disney hat gerade diesen Film durch beständige Neuauswertungen im Kino konstant im Gedächtnis gehalten). Die Neuauflage ist nun dreckig, voller Action und Gewalt und jedem Zwischenton beraubt. Am Ende muss beispielsweise der Tiger Shere Khan ein Schicksal der vollständigen Vernichtung erfahren. 1967 lieferte man da noch weitaus mehr gedanklichen Spielraum mit.

In der ersten nicht zum Episoden-Kanon gehörenden Kinoauskoppelung des „Star Wars“-Universums, „Rogue One“, versuchen sich Sturmtruppen nach einem Kampf noch einmal aufzurappeln, nur um dann mit einem gezielten Kopfschuss gerichtet zu werden; das Ende ist derweil aus melancholischen Endzeitfilmen wie „These Final Hours“ kopiert. Hier sind es Details, die aus dem eigentlich lebensbejahenden Epos genau das machen, was der Titel im Grunde suggeriert: einen Kriegsfilm. Wo sind die pelzig-anstrengenden Ewoks, wenn man sie mal braucht?

Überhaupt „Star Wars“: das siebte Kapitel der Weltraumsaga, „Das Erwachen der Macht“, war ja ohnehin nur ein Fanboy-Remake von Episode Vier, mit der 1977 alles begann. Hier ist wohl der Regisseur J.J. Abrams als „Übeltäter“ zu nennen, hat der sich doch inzwischen auf das Ausschlachten von Retro-Gefühlen bei den 20- und 30-Somethings spezialisiert. Angefangen mit „Super 8“, der als Hommage an alles Spielberg’sche gedacht war über den erwähnten „Star Wars“ bis zum „Star Trek“-Reboot, dass das sogenannte Spiel mit bekannten Versatzstücken so weit trieb, dass der Eintrag „Into Darkness“ nur noch zu einer sinnfreien Lachnummer verkam. Nie verpuffte der Satz „Ich bin Khan!“ wirkungsloser in den unendlichen Weiten des Weltalls. Hier zeigte sich besonders deutlich, wie wenig sich der Retro-Hype um ein tiefergehendes Verständnis für sein Ausgangsmaterial interessiert. Das dem originalen Khan eine vielbeachtetet Episode, viel Zuspruch in Fan-Kreisen über Jahre und schließlich einer der besten „Star Trek“-Kinofilme zuteilwurde – Pustekuchen. Hier genügt eine simple Erwähnung und der Zuschauer soll im Bilde sein – es paart sich schlechte Nostalgie mit schlechtem Storytelling.

Die massiv erfolgreiche Netflix-Serie „Stranger Things“ zieht ihre ganze Existenzberechtigung aus dem einsilbigen Rückblick auf die vergangene Popkultur und liefert Zitate und sogenanntes „name dropping“, also den bewussten Einsatz von populären Stichworten, einzig zum Sinn eines wissenden Kopfnicken beim „eingeweihten“ Publikum. Besonders albern wird es dann, wenn die Geschichte über eine banale Stephen King-Geschichte nicht hinausgeht, das finale Monster dann plötzlich als leidiger Computereffekt inszeniert wurde (die Liebe zu den 80ern ging wohl nicht so weit, Geld für eine vernünftige Animatronic ausgeben zu wollen) und der 1950er-Nostalgiefilm „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“ zitiert wird, weil er mit seinem Produktionsjahr 1986 so gut ins Raster passt. Wohlwollend mag man darin sogar noch einen Kommentar zur zyklischen Natur des Erinnerns (und damit der Nostalgie) erkennen. Oder einfach eine Zitierungswut, die möglichst viel in kurzer Zeit unterbringen will. Fast müßig zu sagen, dass man in den 1980ern bei Geschichten dieser Art schneller auf den Punkt kam und nicht alles auf sinnlos-epische Weise ausgewalzt werden musste. Gut, das war auch Kino und nicht Stream.

Wo begann der Wahnsinn, fragt man sich nun. Vielleicht war es der zur Internetsensation hochgejazzte Dreißigminüter „Kung Fury“, der ein völlig sinnfreies Bild des Genrekinos der 1980er Jahre zeichnete. Es gibt Kampfsport, Nazis, Dinosaurier, Wikinger, Zeitreisen und viel Faustkampf Alles so präsentiert, dass man sich irgendwann nur noch fragt, ob der Regisseur einfach alte VHS-Cover angesehen hat und sich die dazugehörigen Filme nur in seinem Kopf zusammenstellte. Es ist Trash, der so gewollt auf Trash hin inszeniert ist, dass er kein Trash mehr sein kann. „Kung Fury“ ist einfach für sich bescheuert, weil er nicht versteht, wie Trash funktioniert (ähnlich wie die „Sharknado“-Filme). Es müssen Herzblut und Unvermögen zusammenkommen, unbedingte Liebe an das Projekt bei gleichzeitigen Schwierigkeiten, die Ideen adäquat umzusetzen.

„Kung Fury“ hatte alle technischen wie vermarkterischen Möglichkeiten (David Hasselhoff singt den Titelsong, verdammt nochmal!), er ist kein über Jahre hart erkämpftes Herzensprojekt (trotz Crowdfunding), vor allem aber kann er sich nicht konzentrieren. Wie ein überschwängliches Kind wirft er alles in einen Topf, weil er sich nicht entscheiden kann, was und wem er eigentlich Tribut zollen will. Ja, es gibt diese seltsamen Filme und Serien, in denen surfende Nazis bekämpft werden müssen oder man mit Cadillacs hinter Dinosauriern dreinfährt – aber sie alle entscheiden sich für ein Sujet und ziehen es vor allem mit einem Ernst durch, der Trash eben erst in der Rezeptzion zu dem macht, was er ist. Es geht nicht darum, dass sich ein Auto in der Luft mehrmals überschlägt und dann explodiert, während der Protagonist zu cool ist, sich die Explosion überhaupt anzusehen. Es geht darum, dass ein Auto, obwohl es viel Platz zum Ausweichen hat, durch einen Stapel akkurat aufgestapelter Kisten brettert, die einfach um des Effektes willen in der Gegend herumstehen.

Wohin führt der Wahnsinn? Jeder, der den Trailer zu Steven Spielbergs in diesem Jahr startenden Film „Ready Player One“ über ein Videospiel, das unzählige Figuren aus der Popkultur vereint, gesehen hat, wird diese Frage beantworten können. Vor allem, wenn es der Regisseur gerne sehen würde, wenn jeder im Kino bei jedem Wiedererkennen aufspringen und „Das kenne ich!“ brüllen würde. Man sieht, die letzte Stufe ist scheinbar noch nicht erreicht.

Natürlich gibt es positive Beispiele: Den Film „It Follows“, der eine deutlich an die Werke John Carpenters erinnernde Atmosphäre aufbaut, ohne zum Carpenter-Best-Of zu werden. Oder die demnächst in Deutschland startende Serie „The Orville“, die mit ihren in sich abgeschlossenen Geschichten und der positiven, selbstredend vom 1980er und 1990er-„Star Trek“ inspirierten Grundhaltung wie ein televisionärer Anachronismus wirkt. Insgesamt jedoch ist der Retro-Hype, wie jeder Hype, wohl dann zum Scheitern verurteilt, wenn er nicht anfängt, seine Zitate zu reflektieren. Aus der Neuauflage muss etwas werden, das den Geist der Vorlage durchdrungen hat, damit es nicht wirkt, man versuche nur mit dem bekannten Namen Geld zu machen. Das Zitat, das die ganze Zeit nur nach Aufmerksamkeit schreit, kann man sich im Grunde sparen. Das vage Gefühl, dass dies etwas mit der medialen Vergangenheit zu tun haben könnte, zählt mehr als eine wahre Auseinandersetzung mit den Erzeugnissen vergangener Dekaden.

Wer nur „Kung Fury“ & Co. gesehen hat, kennt das Kino der 1980er Jahre nicht. Im besten Fall wird man angehalten, sich näher mit diesem auseinanderzusetzen und wer weiß, vielleicht bekommt man (Wieder-)Entdeckungen zu sehen, die auf eine so ganz eigene Art wahnsinnig waren, dass sie die postmoderne Überzeichnung gar nicht nötig haben. Wer als erster „Krull“ in den DVD-Spieler wirft, hat gewonnen!

Jan Noyer, März 2018