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14.03.2018 - Streaming statt Kino: „Auslöschung“ startet bei Netflix

Mit „Ex Machina“ stellte Alex Garland eindrucksvoll unter Beweis, dass kluge Zukunftsszenarien auch heute ohne Multimillionen-Dollar-Budgets möglich sind. An die Brillanz seines Regiedebüts knüpft der Brite nun mit der Romanverfilmung „Auslöschung“ an, die auf dem gleichnamigen ersten Buch der Southern-Reach-Trilogie des US-Schriftstellers Jeff VanderMeer basiert. Schlagzeilen machte die recht freie Adaption bereits im Vorfeld ihrer Veröffentlichung, da sich Verleihgigant Paramount nicht dazu durchringen konnte, den bildgewaltigen Science-Fiction-Mystery-Thriller flächendeckend in die Kinos zu bringen. Auf der großen Leinwand startete Garlands zweiter Spielfilm Ende Februar lediglich in Nordamerika und China, während die Rechte für alle anderen Territorien an den Streaming-Anbieter Netflix weitergereicht wurden. Eine fragwürdige Entscheidung, die einmal mehr die in Hollywood grassierende Angst vor unkonventionellen Stoffen unterstreicht. „Auslöschung“ bot den Studioverantwortlichen mit seiner verschachtelten Erzählstruktur und seinen komplexen Fragestellungen schlichtweg zu wenige Ansatzpunkte für eine klare, passgenaue Werbestrategie.

Seit einigen Jahren beobachtet eine geheime Regierungsorganisation in einer Küstenregion im Süden der USA ein seltsames Phänomen und hat die besagte Zone – die sogenannte Area X – hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt. Um in Erfahrung zu bringen, was genau hinter dem als Schimmer bezeichneten glänzenden Schleier vor sich geht, der das Terrain umgibt, wurden schon diverse Expeditionen entsandt. Lebend zurückgekehrt ist bislang jedoch kein einziger Teilnehmer. Eines Tages taucht der ebenfalls in das Sperrgebiet geschickte Kane nach einjähriger Abwesenheit bei seiner Ehefrau Lena auf und kann sich an das Erlebte nicht mehr erinnern. Als der entkräftete Soldat nur wenig später ins Koma fällt, steht für seine Gattin fest, dass sie dem Geheimnis der Area X auf den Grund gehen muss. Kurzerhand schließt sich die Biologin einer neuen Erkundungsgruppe an, die von der Psychologin Dr. Ventress geleitet wird. Mit von der Partie sind auch die Physikerin Josie, die Rettungssanitäterin Anya und die Geologin Cass, die allesamt persönliche Enttäuschungen und Schicksalsschläge mit sich herumtragen.

„Auslöschung“ ist weniger dicht und packend erzählt als „Ex Machina“, zieht den Betrachter aber dennoch in den Bann. Von Anfang an kreiert Garland eine rätselhafte, bedrohliche Atmosphäre, die sich nach dem Eintauchen in die ominöse Sperrzone weiter verfestigt. Das Misstrauen innerhalb der Gruppe treibt die Spannung ebenso nach oben wie die sporadisch eingestreuten Angriffe, denen sich die fünf Frauen auf ihrer Wanderung ins Ungewisse erwehren müssen. Auf den Zuschauer warten einige bizarre Überraschungen und spektakuläre Bilder einer archaischen Umwelt, die gleichermaßen faszinierend und verstörend erscheint. Thematisch stehen große Fragen im Raum – etwa die nach der menschlichen Identität und nach dem Verhältnis zur Natur. Der Film gibt reizvolle Impulse, regt zum Nachdenken an und verleiht der mit Zeit- und Ortssprüngen arbeitenden Handlung zuweilen eine philosophische Tiefe. Dass der Science-Fiction-Thriller von Paramount als zu komplex und ungewöhnlich empfunden wurde, dürfte vor allem mit dem letzten Akt zusammenhängen. An dieser Stelle entfesselt der Regisseur einen Farben- und Bewegungsrausch, der die Genrekonventionen kompromisslos sprengt. Nicht jedem mag das gefallen. Gerade hier zeigt sich aber die individuelle und originelle Note der Romanadaption, die mit einer diskussionswürdigen Schlusseinstellung endet.

Regisseur: Alex Garland
Darsteller: Natalie Portman (Lena), Jennifer Jason Leigh (Dr. Ventress), Gina Rodriguez (Anya), Tuva Novotny (Cass), Tessa Thompson (Josie), Oscar Isaac (Kane)
Land: Großbritannien, USA 2018
Länge: 115 Min.
Netflix-Start: 12.03.2018
Altersempfehlung: Ab 16 Jahren


Christopher Diekhaus, März 2018