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10.11.2017 - Zurück in die Schattenwelt! – Stranger Things 2 erweitert gekonnt sein Mystery-Universum

Ein Aufatmen geht durch die weltweite „Stranger Things“-Fangemeinde. Die mit Spannung erwartete zweite Staffel der erfolgreichen Mystery-Horrorserie mit ihrem unverwechselbaren 80er Jahre Charme tritt an, um das Grauen in die Kleinstadt Hawkins und in die Wohnzimmer rund um den Globus zurückkehren zu lassen. Das gelingt auf ganzer Linie – perfekt inszeniert, äußerst durchdacht erzählt, großartig gespielt, famos ausgestattet, noch spannender und düsterer als die erste Staffel.

Rückblick: Vor einem Jahr – Panik schleicht sich in den Blick der „Stranger Things“-Jünger. Sollte das etwa das Ende sein? Würde es kein neues Futter zum „Binge Watching“ dieser Ausnahmeserie geben? Kurz vor dem Abschluss der letzten Folge der ersten Staffel schienen alle losen Enden bearbeitet. Ein Happy End mit Weihnachtszuckerguss-Gefühl zeichnete sich ab. Die Kleinstadt Hawkins konnte durch die telekinetisch begabte „Eleven“ und ihre Freunde Mike, Dustin und Lucas vor dem Monster „Demogorgon“ gerettet werden, ihr Freund Will Byers war nach einer furchtbaren Woche in der Schattenwelt, dem „Upside-Down“, wieder vereint mit seiner Mutter Joyce und seinem Bruder Jonathan und der skrupellose Wissenschaftler Dr. Brenner war tot. Selbst der etwas knurrige Polizeichef Jim Hopper rang sich auf der Weihnachtsfeier seiner Polizeiwache ein Lächeln ab. Friede, Freude, Eierkuchen! Nur noch Sekunden bis zum Abspann! War´s das etwa? Dann die Erlösung für alle „Stranger-Things“-Süchtigen. In einer der letzten Einstellungen würgt Will im Bad ein fremdartiges Wurmgetier hervor und wird von einer Vision aus der Schattenwelt heimgesucht. Aufatmen! Es wird weitergehen!

Nun ist es so weit. Ein Jahr mussten sich die Fans gedulden, zu erfahren, was nun auf die Bewohner der Kleinstadt Hawkins zukommt. Ein Jahr ist nun auch in der Serie vergangen seit den übernatürlichen Ereignissen der ersten Staffel. Jetzt, im Herbst 1984, haben alle aus der ersten Staffel bekannten Charaktere noch mit den Auswirkungen dieser Ereignisse zu kämpfen. Die Traumata des letzten Jahres sind noch nicht verarbeitet. Besonders deutlich wird das bei Will. Die Entführung in die Schattenwelt lässt ihn nicht los. Regelmäßig wird er von düsteren Visionen heimgesucht, in denen er seine Heimatstadt Hawkins von einem schattenhaften Monster mit riesigen Spinnenbeinen bedroht sieht. Eine posttraumatische Belastungsstörung, wie sein Umfeld glaubt? Oder besteht weiterhin eine Verbindung zwischen ihm und der dunklen Seite? Seine Mutter Joyce oszilliert zwischen neuem Lebensmut und zartem Glück in ihrer neuen Beziehung zu dem gutherzigen, wenn auch etwas einfachen Bob einerseits und übersteigerter, fast panischer Sorge um ihren Sohn Will andererseits. Wills bester Freund Mike trauert dem Verlust seiner übernatürlichen Freundin „Eleven“ nach, die seit ihrem finalen Kampf gegen den „Demogorgon“ verschwunden ist. Hat sie sich geopfert? Ist sie in die Schattenwelt gezogen worden? Oder wird ihr Schicksal weiterhin mit dem Schicksal von Hawkins verknüpft sein? Mikes Schwester Nancy kommt währenddessen nicht über den Tod ihrer Freundin Barb hinweg und leidet unter dem ihr auferlegten Schweigen gegenüber Barbs Eltern und die Freunde Dustin, Lucas, Mike und Will müssen die Basis ihrer Gemeinschaft neu ordnen, als die taffe neue Schülerin Max in ihre Klasse kommt und sich anschickt, Teil ihrer Gruppe zu werden. Können sie sie in die Geheimnisse des letzten Jahres einweihen? Hormone kommen in Wallung, Rivalitäten entstehen, der Zusammenhalt bröckelt. Es scheint, als seien alle Protagonisten des letzten Jahres weiterhin in einem „Dazwischen“ gefangen – physisch zurück in Hawkins, doch noch nicht gänzlich der Schattenwelt entkommen.

Für die Exposition der zweite Staffel, lassen sich die Macher der Serie, die Brüder Matt und Ross Duffer, in den ersten 2 Folgen etwas Zeit. Ein tiefes, aber nie langweiliges, weil virtuos inszeniertes Luftholen, bevor die Handlung Fahrt aufnimmt. Ein diffuses Unbehagen macht sich schon hier breit. Die Vorahnung, dass den Einwohnern von Hawkins neues Unheil bevorsteht, ist allgegenwärtig. Dafür sorgen die Duffer-Brüder nicht nur mit der Verortung ihrer ersten Folgen um Halloween – der traditionellen Nacht des Gruselns. Wie schon in der ersten Staffel ist auch hier die Musik ein entscheidendes Element. Sie setzt dort bedrohliche Kontrapunkte, wo auf den ersten Blick nur Harmloses zu geschehen scheint. Die Kamera unterstützt dies mit Fokusverlagerungen, die dem Zuschauer vor Augen führt, dass er zuvor nicht das Wesentliche erblickt hat. Die Gefahr schiebt sich gleichsam von den Rändern zurück ins Zentrum.

Spätestens aber als Dustin ein rasant wachsendes, echsenartiges Etwas bei sich aufnimmt, in Hawkins reihenweise Felder veröden und Wills Visionen der Schattenwelt immer plastischer und bedrohlicher werden, ahnt der Zuschauer, dass sich das „Upside Down“ mit aller Macht zurückdrängt in den Alltag von Hawkins. Ab hier zieht die neue Staffel die Spannungskurve an und den Zuschauer erneut gekonnt in seinen Bann – aufwändiger produziert, dunkler, bedrohlicher und größer erzählt gezeichnet als noch in Staffel 1. Denn das Böse der Schattenwelt findet nicht nur einen Weg zurück nach Hawkins, sondern gleich mehrere. Das erzählerische Universum wächst an – sowohl in der diesseitigen Dimension, als auch in der Parallelwelt. Dies schlägt sich im teils parallelen Erzählen in mehreren Handlungssträngen nieder, welche die Schöpfer der Serie gekonnt miteinander verweben. Als Ergebnis wirkt die zweite Staffel von „Stranger Things“ noch komplexer, dramatischer und packender als schon sein ausgezeichneter Vorgänger.

Neben dem Einsatz neuer erzählerischer Elemente, behält „Stranger Things“ sich aber seinen Kern bei, durch den die Serie im letzten Jahr Kultstatus erreichte. Millionen Fans weltweit lieben die Serie insbesondere für ihren unverwechselbaren 80er Jahre Charme. Reminiszenzen an unzählige Filme, Songs oder Computerspiele dieser wilden Pop-Dekade lassen die Nostalgiegefühle ihrer Zuschauer auch dieses Mal wieder ausufern. Zitate zu Filmhighlights der 1980er wie „Ghostbusters“, „Goonies“ und „Alien“, „Stand by Me“, „Terminator“, „Star Wars“ oder „Mad Max“ durchziehen erneut die Serie. Dies kommt nie als Selbstzweck daher, sondern unterstützt organisch die Atmosphäre und Erzählstruktur der Staffel. So wie die Figuren zwischen den Dimensionen pendeln, so wechseln auch die Zuschauer fortwährend zwischen dem Blick in die eigene Vergangenheit und dem gespannten Blick auf die Handlung. Akustisch komplementiert ein famoser Soundtrack mit Hits von den Scorpions, Mötley Crüe, Duran Duran, Bon Jovi oder The Police, um nur einige zu nennen, das postmoderne Panoptikum der 1980er.

Wer will, der findet mit geübten Blick aber auch Zitate, die über diese Dekade hinausweisen. So finden sich Anleihen an „Der Exorzist“ (1973), die Verfilmung von Stephen Kings Roman „Es“ (1990) oder auch an „Die Nacht der lebenden Toten“ aus dem Jahr 1968. Dies entspricht einer weiteren Tendenz der zweiten Staffel. Denn auch auf dieser Ebene wird das Universum der Serie erweitert. Alles wird größer und vielschichtiger. Die Story wächst, der Bezugsrahmen wächst, auch die Protagonisten wachsen. Beinahe mit ein wenig Wehmut verfolgt man, wie die Protagonisten langsam die Kindheit hinter sich lassen und die typischen Herausforderungen von Teenagern zu ihren werden. Diese stimmige Weiterentwicklung des Hawkins-Kosmos auf verschiedenen Ebenen führt dazu, dass Stranger Things in seiner zweiten Staffel nicht das Schicksal unzähliger Serien erleidet, die nach einer furiosen Premierenstaffel nur noch als Schatten ihrer selbst daherkommen. Im Gegenteil. Mit „Stranger Things 2“ ist den Duffer-Brüdern eine äußerst durchdachte, facettenreiche, sehr unterhaltsame und stimmige Fortsetzung gelungen. Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dann können sich die Fans schon darauf freuen, wie es mit der Kleinstadt Hawkins und der Bedrohung aus der Schattenwelt weitergeht. Denn Netflix hat bereits die dritte und vierte Staffel der Erfolgsserie in Auftrag gegeben. Also: Aufatmen – liebe Stranger-Things-Gemeinde – es wird neues Futter zum „Binge Watchen“ geben.


Robert Herfurtner, November 2017
Altersempfehlung: ab 16 Jahre