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09.04.2019 - Serienkritik: „Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen“

Warum lassen manche Menschen ihrer Wut einfach freien Lauf und richten in ihrem Umfeld ein Blutbad an? Bei jedem Amoklauf, von dem wir lesen und hören, drängt sich umgehend diese Frage auf – und lässt sich in einigen Fällen nur schwer beantworten. Oft sind es viele Faktoren, die zu einem kompletten Kontrollverlust, einem rücksichtslosen Rundumschlag führen. Mit eben dieser hochgradig brisanten Thematik befasst sich die Schriftstellerin Malin Persson Giolito in ihrem preisgekrönten Kriminalroman „Im Traum kannst du nicht lügen“, der 2016 in den Handel kam. Drei Jahre später bringt der Streaming-Riese Netflix mit der Adaption des Buches nun seine erste schwedische Serienproduktion an den Start.

Head-Autorin Camilla Ahlgren („Die Brücke – Transit in den Tod“) und ihre kreativen Mitstreiter verweigern dem Zuschauer darin zunächst jede Möglichkeit der Orientierung. Ohne Vorwarnung finden wir uns mitten in einem Massaker wieder, das sich an einem Gymnasium in einem wohlhabenden Vorort Stockholms abspielt. Aufgegriffen von schwerbewaffneten Einsatzkräften wird die blutverschmierte Maja Norberg, die erst im Krankenhaus langsam begreift, dass sie in einer schlimmen Lage steckt. Die energische Kommissarin Jeanette Nilsson hält sie für die Täterin und will beweisen, dass die 18-Jährige gemeinsam mit ihrem toten Freund Sebastian Fagerman den Mord an ihren Mitschülern und einem Lehrer geplant hat. Schon bald muss Maja im Beisein ihres Anwalts Peder Sander kräftezehrende Verhöre über sich ergehen lassen, in denen sich alles um ihre Liebe und ihre Beziehung zu Sebastian dreht.

„Quicksand – Im Traum kannst du nicht lügen“ springt fortlaufend zwischen den Szenen in der Gegenwart und den Rückblenden hin und her, die Schicht für Schicht die Hintergründe des Amoklaufs freilegen. Im Zentrum der Ermittlungen stehen in diesem Fall – anders als es das Klischee oft will – keine verlachten Außenseiter, sondern zwei gutaussehende, hippe junge Menschen aus begüterten Verhältnissen. Maja und Sebastian haben Freunde, stürzen sich in wilde Partys und wissen nicht, wie sich Existenzängste anfühlen. Auf den ersten Blick scheint ihr Leben sorgenlos. Doch auch wenn der Beginn ihrer Romanze in verträumten Bildern eingefangen wird, tun sich schon früh gefährliche Abgründe auf.

Sebastians Vater ist ein obszön reicher Großkotz, der seinen Sohn für einen Nichtsnutz hält und ihm das bei jeder Gelegenheit unter die Nase reibt. Der Teenager wiederum lehnt sich permanent gegen das Leistungsdenken auf, hadert mit sich und der Welt und betäubt seine Frustrationen mit Drogen. Die zuvor eher unauffällige Maja scheint magisch angezogen von seiner Impulsivität, von seiner Was-kostet-die-Welt-Mentalität und erstickt zunächst alle Zweifel an ihrem Freund im Keim. Mit jeder neuen Folge offenbart sich eine weitere Facette der toxischen Beziehung zwischen zwei Jugendlichen, deren Eltern kein ehrliches Interesse für die Probleme und Gefühle ihrer Kinder aufbringen.

„Quicksand“ zeichnet das Oberschichtenmilieu manchmal etwas zu holzschnittartig, stößt in einer Episode eher plump eine politische Diskussion um Ausländer und sozial schlechter gestellte Menschen an und hätte einigen Nebenfiguren sicherlich mehr Profil verleihen können, ist aber dennoch sehenswert. Die Spannung können die Macher vor allem deshalb hochhalten, weil sie bis kurz vor Schluss mit der Ungewissheit spielen, ob Maja die ihr zur Last gelegte Tat wirklich begangen hat. Rückblickend ist es vielleicht ein bisschen schade, dass sich die Serie fast ausschließlich auf Majas Perspektive verengt und dadurch nur wenig Raum für die Opfer des Blutbades und ihre Angehörigen bleibt.

Regisseure: Per-Olav Sørensen, Lisa Farzaneh

Darsteller: Hanna Ardéhn (Maja Norberg), Felix Sandman (Sebastian Fagerman), William Spetz (Samir Said), Ella Rappich (Amanda Steen), David Dencik (Peder Sander), Reuben Sallmander (Claes Fagerman), Rebecka Hemse (Jeanette Nilsson), Anna Björk (Camilla Norberg)

Schweden 2019, 6 Folgen

Netflix-Veröffentlichung: 05.04.2019

Altersempfehlung: Ab 16 Jahren